Susanne Schomann – Buchschauplatz Lüneburger Heide

Cover - Schomann, Susanne - Heidewinter - MIRAEs gab eine Zeit, da gehörten regelmäßige Sonntagsausflüge wohl zu den bedeutsamsten Punkten in der familiären Freizeitgestaltung. Viele von uns werden sich noch gerne, einige vielleicht auch gar nicht so gerne, daran erinnern, wenn es wieder einmal hieß: „Anziehen! Wir gehen an die frische Luft!“

Ich bin in der Großstadt Hamburg groß geworden. Für die meisten Stadtkinder der 1960er, 1970er und auch noch der 1980er Jahre bedeuteten diese Ausflüge nicht selten, dass sie einfach stundenlang durch irgendwelche Grünanlagen hinter den Eltern hertrotteten. Die einzige Hoffnung bestand meist darin, dass sie für dieses langweilige Intermezzo eventuell, und auch nur falls man viel Glück und der Papa gerade die Spendierhosen anhatte, mit einer Kugel Eis oder einem Becher Schokolade belohnt wurden. Ich gehörte auf jeden Fall dieser Fraktion an. Die öden Spaziergänge am Sonntagnachmittag hoben nur selten meine Stimmung, das gebe ich unumwunden zu.

Anders sah die Sache allerdings aus, wenn es auf einen der selteneren größeren Ausflüge ging, dann war ich richtig begeistert. Als Hamburger Kind hoffte man natürlich vor allem auf ein sommerliches Wochenende an der Nord- oder Ostsee, das versprach jede Menge Spaß. Doch auch die nahegelegene Lüneburger Heide gehörte auf jeden Fall zu den beliebtesten Zielen für jeden Norddeutschen, ganz besonders im Spätsommer, wenn dort die sogenannte fünfte Jahreszeit anbricht: die Heideblüte. Ein Vorgang, der fast über Nacht eine nahezu karge Landschaft in ein Meer von Purpur verwandelt.

Einen dieser Ausflüge habe ich sehr bewusst in Erinnerung. Dieser Tag hat für alle Zeiten mein Bild von der Lüneburger Heide geprägt und zudem dafür gesorgt, dass ich eine ganz besondere Liebe für sie entwickelte. Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, als ich zusammen mit meinen Eltern und zwei befreundeten Familien einen ganzen Tag in der Heide verbrachte. Wir picknickten inmitten dieses purpurfarbenen Wunderlands. Danach gab es eine lustige Schnitzeljagd, die die Väter zuvor arrangiert hatten, und später aßen wir ein riesiges Stück Torte in einem kleinen Café irgendwo zwischen Bispingen und Amelinghausen. All das hat großen Spaß gemacht.

Doch nicht nur das Zusammensein mit den Freunden war ausschlaggebend dafür gewesen, den Tag zu einer der tollsten Erinnerungen meiner Kindheit werden zu lassen, vielmehr war es schon damals die besondere Schönheit dieser eindrucksvollen Landschaft. Ja, ich war noch ein Kind, doch der Anblick der blühenden Heide hat mich regelrecht umgehauen. Ein wahrer Rausch jener ganz speziellen Farbe, die nichts als Wärme und Wohlgefühl ausstrahlt. Ich habe versucht, dieses Empfinden in meinem Roman Heidewinter zu beschreiben, als meine Heldin Sina sich während eines Spaziergangs an eine ähnliche Begebenheit in ihrer Kindheit erinnert.

Meine Begeisterung für die Lüneburger Heide riss auch in den folgenden Jahren nicht ab, und sie beschränkte sich auch nicht mehr unbedingt auf die Zeit der Heideblüte. Als Autorin von Liebesromanen war es also nahezu eine logische Folge, dass ich irgendwann eine Handlung genau dort ansiedeln musste. Von Anfang an, stand es für mich fest, dass ich in meiner Fantasie mein eigenes kleines Dorf gestalten wollte. Fiktive Orte bieten jedem Schriftsteller ungeahnte Möglichkeiten. Ich mag das sehr. Man hat alle Freiheiten, es macht riesigen Spaß und man kann sich die Räume so erschaffen, wie man sie für die Handlung und die Charaktere benötigt.

Alte Hutebuche bei Wilsede
Alte Hutebuche bei Wilsede

Zudem ist es wirklich nicht besonders schwierig, ein typisches Heidedorf zu erfinden. Wenn man einmal durch mehrere hindurch gefahren ist, wird einem das sehr schnell klar. Wir kennen das alle auch von anderen ländlichen Gegenden in unserer Republik. Was das angeht, bildet auch die Lüneburger Heide keine Ausnahme. Die kleineren Ortschaften ähneln sich zum Teil sehr. Eine Hauptstraße, ein paar Geschäfte, eine Kirche und Wohnhäuser, manchmal wie auf einer Perlenschnur aneinandergereiht. Dennoch … Ich wollte mein eigenes Dorf, einen Ort, der bezaubert und allein mir und meinen Lesern gehört. So entstand schließlich „Lunau“.

Inzwischen, nachdem ich drei Lunau-Romane geschrieben habe, ist mir dieses Dorf, sind mir seine Menschen so vertraut geworden, dass mich manchmal das Gefühl erfasst, ich müsste endlich einmal wieder dorthin fahren, bei Christa Loewenthal im Buchladen-Café einen Milchkaffee trinken und in aller Gemütlichkeit ein Stück von Isabells einzigartigem Käsekuchen genießen.

Heidemuseum "Dat ole Huus" in Wilsede
Heidemuseum „Dat ole Huus“ in Wilsede

Ja, die Lüneburger Heide hat ihren ganz besonderen Reiz. Das gilt übrigens auch für die zauberhafte kleine Stadt Lüneburg selbst. Wer noch nicht dort gewesen ist, sollte das dringend nachholen. Die Lüneburger Altstadt, mit ihren typisch norddeutschen Fachwerkhäusern, ist ein wahrer Traum, und ich kann nur empfehlen, sich mindestens einen Tag Zeit zu nehmen, um sie ausgiebig zu erkunden. Mit einem Wochenendausflug in die Salzstadt Lüneburg kann man sicherlich nichts falsch machen. In der Altstadt gibt es einige schöne Hotels. Von dort aus kann man dann bequem die Stadt und natürlich die Heide für sich entdecken.

Ach ja, und hier kommt noch ein ganz besonderer Tipp von mir: Die Ole Müllern Schün, Müllern Hof, in Müden-Örtze. Ein traditioneller Heidehof. So eine Torte gibt es kein zweites Mal!

Viel Spaß in der Lüneburger Heide und in „Lunau“ in meinen Romanen Wilder Wacholder, Der Holundergarten und Heidewinter!


www.susanneschomann.de
Cover © MIRA
Fotos © Willow/ Lizenziert unter CC BY 2.5 über Wikimedia Commons.