Sherry Thomas: Signierstunden – Die Sicht von der anderen Seite des Tisches

Ich gestehe es besser sofort: Ich habe eine Art Phobie, wenn es um Signierstunden geht. Während es bei den meisten Phobien so ist, dass man viele Therapiestunden braucht, um herauszufinden, wodurch sie hervorgerufen wurden, kann ich ganz genau sagen, wann ich meine Angst entwickelt habe.

Sherry Thomas beim Literacy Signing der Romance Writers of America 2016 in San Diego
Sherry Thomas beim Literacy Signing der Romance Writers of America 2016 in San Diego

Ich war fünfzehn oder sechzehn. In Baton Rouge, Louisiana, wo ich damals wohnte, machte der erste Laden einer Buchhandelskette auf – eine riesige Filiale von Books-a-Million. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Meine Mutter setzte mich immer dort ab, wenn sie samstagnachmittags etwas zu erledigen hatte.

Ich durchstöberte dann verschiedene Abteilungen – üblicherweise die Liebesromane und die Regale mit Science Fiction und Fantasy. Eines Tages saß im mittleren Gang ein Mann ganz allein an einem Tisch. Jedes Mal, wenn ich von einer Abteilung in die andere ging, schaute er immer ganz hoffnungsvoll zu mir auf. Was ich natürlich ziemlich gruselig und unangenehm fand, weshalb ich darauf achtete, Blickkontakt zu vermeiden.

Stunden später war er endlich weg. Als ich mich an den Tisch heranschlich, an dem er gesessen hatte, sah ich einen Zettel, auf dem stand, dass er ein Autor war, der dort Bücher signieren wollte. Der arme Mann! Ich glaube nicht, dass auch nur eine einzige Person in der ganzen Zeit an ihn herangetreten ist. Das hat sich mir tief eingeprägt, und seit damals glaube ich, dass Signierstunden zu den schlimmsten Erfahrungen gehören können, die man als Autor überstehen muss.

Als 2008 meine ersten beiden Romane erschienen sind, hielt ich für jedes Buch eine Signierstunde ab. Sie verliefen eigentlich ganz gut, dank der vielen Unterstützer aus meiner lokalen Gruppe der Romance Writers of America (RWA). Dennoch fühlte ich mich so gestresst, dass ich danach keine Einzelsignierstunde mehr machte.

Gruppensignierstunden sind meist besser – zumindest können die teilnehmenden Autoren dann miteinander sprechen, um nicht all den Leuten im Laden hinterher zu starren. Aber auch sie können ihre Tücken haben. Noch ziemlich am Anfang meiner Karriere schickte mich mein Verlag mit einigen Kolleginnen per Bus auf eine Signierreise. Die dreitägige Tour war von einem regionalen Großhändler organisiert worden, der nicht die klassischen Buchhandlungen sondern andere Geschäfte wie Supermärkte und Warenhäuser belieferte. Insgesamt absolvierten wir neun Signierstunden in neun verschiedenen Großmärkten einer Kette. Das war eine sehr komische Erfahrung. So saß ich etwa um zehn Uhr morgens an einem Freitag mitten in einem riesigen und weitgehend leeren Großmarkt mit zig Kleiderstangen im Rücken und die nächste Autorin saß gut vier bis fünf Meter entfernt.

Ich möchte aber nicht, dass jetzt jemand denkt, alle Signierstunden würden so demütigend ablaufen. Manchmal sind sie auch ganz toll. Allerdings habe ich in den letzten Jahren festgestellt, dass ich als Jugendbuchautorin mehr Glück damit habe denn als Liebesromanautorin. Liebesromane sind zwar die meist verkauften Bücher in den USA, doch die Leser des Genres halten sich lieber bedeckt. Dagegen gibt es eine große Infrastruktur, die Kinder und Teenager ermutigt zu lesen und sich darüber auszutauschen.

Am liebsten signiere ich bei Bücherfestivals für Teens. Texas, der Bundesstaat, in dem ich heute lebe, scheint sich darauf spezialisiert zu haben. In der Regel werden sie gut organisiert und auch gut bekanntgemacht. Oft nehmen Leser Fahrten von mehreren Stunden in Kauf, um teilzunehmen. Schüler aus hunderte Kilometer entfernten Bezirken fahren sogar vor Sonnenaufgang mit Bussen los, um den ganzen Tag auf einem solchen Festival zu verbringen.

Cover - Thomas, Sherry - The Burning Sky - Der flammende Himmel - DrachenmondUnd – sie kommen nicht nur, um ihre Lieblingsautoren zu treffen, sie möchten auch neue Bücher und Autoren entdecken. Als ich kurz nach der Veröffentlichung von „The Burning Sky“, meinem ersten Fantasy-Jugendbuch und dem ersten Band meiner „Elemente-Trilogie“ – der dieses Jahr unter dem Titel The Burning Sky – Der flammende Himmel in deutscher Übersetzung beim Drachenmond Verlag erschienen ist – zum Austin Teen Book Festival eingeladen war, bildete sich zum ersten Mal in meinem Autorenleben eine Schlange von rund fünfzig Leuten vor meinem Tisch.

Manchmal verkauft man bei einer Signierstunde zwei Bücher. Und manchmal sind es fünfzig. Das ist der Mikrokosmos eines arbeitenden Autors.

Im September gehe ich wieder auf eine Signierreise – organisiert von meinem amerikanischen Verlag anlässlich der Veröffentlichung von A Conspiracy in Belgravia, dem zweiten Band meiner „Lady Sherlock“-Serie historischer Krimis. Ich versuche, nicht zu oft an diese bevorstehenden Signierstunden zu denken.


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Foto © TD
Cover © Drachenmond

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