Oscars 2016 – Die Leo-Show

Während in Los Angeles die Megastars noch feiern, mühen sich Filmfreaks hierzulande, dass ihnen nach der durchwachten Oscar-Nacht nicht die Augen zufallen – wenn das nicht schon während der dreieinhalbstündigen Verleihung geschehen ist. Die ganz Harten hatten ja vorher sogar noch ganz tapfer ebenso lang die Vorberichterstattung auf Pro Sieben verfolgt.

Im Grunde hätte man aber getrost bis gegen 6 Uhr morgens schlafen können, um dann DEM Moment des Abends live beim Frühstück beizuwohnen, denn ehrlicherweise warteten die meisten doch nur auf die Kategorie „Bester Schauspieler“. Seit Monaten gab es eigentlich kein anderes Thema als Leonardo DiCaprio. Alle Welt schien sich einig, dass er die höchste Hollywood-Auszeichnung im sechsten Anlauf, zweiundzwanzig Jahre nach seiner ersten Nominierung für „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, endlich verdient hätte.

88th Oscars®, Academy Awards, Press RoomsUnd die Oscar-Nacht wurde tatsächlich zur Leo-Nacht. Die böse Überraschung, er könnte wieder das Nachsehen haben, blieb aus. Für seine Rolle in „The Revenant – Der Rückkehrer“ durfte er den begehrten Preis entgegennehmen. Wie groß die Erleichterung war, meinte man dann in der Dankesrede anklingen zu hören, die eine der besseren der Veranstaltung war. Nach einem Plädoyer für den Klimaschutz appellierte er ans Publikum, den Planeten nicht als selbstverständlich zu betrachten, und fügte den Schlusspunkt hinzu, dass er auch diesen Abend – und somit seinen Triumph – nicht als selbstverständlich betrachte.

Nachdem sein Film zuvor zwar zwei weitere wichtige Auszeichnungen – für den besten Regisseur, Alejandro G. Iñárritu, und den besten Kameramann, Emmanuel Lubezki, beide schon im Vorjahr für „Birdman“ siegreich – einheimsen konnte, war er zahlenmäßig bis dahin aber dem Sensations-Abräumer unterlegen. Der Apokalypse-Actionkracher „Mad Max: Fury Road“, nicht gerade typisches Academy-Award-Material, konnte da schon sechs Trophäen für sich verbuchen, wenn auch nur in Nebenkategorien: für die Kostüme, den Schnitt, die Maskenbildner, die Filmausstattung, den Tonschnitt und die Tonmischung.

Die anderen Hauptkategorien verteilten sich sehr demokratisch. In der Königsdisziplin Bester Film wurde „Spotlight“ zum Sieger gekürt, der auch für das Originaldrehbuch geehrt wurde, während die Ehre für das beste adaptierte Drehbuch „The Big Short“ zuteil wurde. Beste Hauptdarstellerin wurde Brie Larson für „Raum“, beste Nebendarstellerin Alicia Vikander für „The Danish Girl“ und bester Nebendarsteller Mark Rylance für „Bridge of Spies – Der Unterhändler“. Als bester Animationsfilm wurde „Alles steht Kopf“ gekürt.

88th Oscars®, Academy Awards, TelecastDie emotionalsten Momente der Glamour-Show lieferte die Musik. Ennio Morricone gewann mit siebenundachtzig seinen ersten „richtigen“ Oscar für die Filmmusik zu Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“, nachdem er 2007 den manchmal als Trostpreis geschmähten Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhalten hatte. Bei seiner auf Italienisch gehaltenen und von seinem Sohn übersetzten Dankesrede zeigte sich der Altmeister sichtlich ergriffen. Dave Grohl spielte als Untermalung der Erinnerung an im letzten Jahr verstorbene Filmschaffende eine wunderschön ruhige Interpretation des Beatles-Klassikers „Blackbird“. Bewegend war auch Lady Gagas Auftritt mit ihrem zusammen mit der legendären Diane Warren komponierten Lied „Til It Happens To You“, das zu einer Ode gegen sexuelle Gewalt wurde. Dass stattdessen Sam Smith und Jimmy Napes für den unspektakulären Bond-Song „Writing’s On The Wall“ gewannen, sorgte für einige erstaunte Mienen.

Gänzlich leer gingen die mehrfach nominierten „Der Marsianer – Rettet Mark Wattney“ und „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ aus. Die vollständige Liste der Gewinner – und unterlegenen Nominierten – gibt es auf der offiziellen Oscar-Webseite.

88th Oscars®, Academy Awards, Press Rooms Was den Unterhaltungswert anbelangt, ging Moderator Chris Rock leider allzu schnell die Puste aus. Im Eröffnungsmonolog thematisierte er noch rotzfrech die Kontroverse im Vorfeld um die wiederholte Nicht-Nominierung schwarzer Mimen – #OscarsSoWhite. Dass sich da so mancher Boykottaufrufer auch aus Geltungssucht und gekränkter Eitelkeit lautstark zu Wort gemeldet hatte, kommentierte er ebenso bissig wie den wirklich unbestreitbar vorhandenen alltäglichen Rassismus und die elitäre Grüppchenbildung der Branche. Da blieb einigen im Saal fast das Lachen im Hals stecken. Danach blieb er aber zahm bis farblos.

Und auch sonst gab es in der Folge wenig herausragende Momente. Ein nettes einstudiertes Geplänkel lieferten noch Ryan Gosling und Russell Crowe, als sie einen der unzähligen Preise präsentierten. Die meisten Dankesreden mutierten wieder einmal zu langweiligen Namensaufzählungen. Dabei hatten die Produzenten dem entgegensteuern wollen, indem sie die Redezeit auf fünfundvierzig Sekunden beschränkt hatten und die diesmal vorab schriftlich einzureichenden „Widmungen“ per Laufschrift einblendeten. So stahl aber am Ende auch niemand Leo die Show.


Bild 1 & 3 © Phil McCarten / A.M..P.A.S.
Bild 2 © Aaron Poole / A.M..P.A.S.