Lieblingshelden: Der Scheich von Annie West

Lieblingshelden – das sind Romanfiguren eines bestimmten Typus, deren Bezeichnung allein Bilder im Kopf von Lesern entstehen und ihr Herz höherschlagen lassen; Protagonisten, deren Charaktereigenschaften und Handlungsweisen einer Geschichte ihren speziellen Stempel aufdrücken. Und wer wäre besser geeignet, etwas über sie zu erzählen, als die Autoren, die sie in ihren Büchern zum Leben erwecken?

Cover - West, Annie - Der feurige Kuss des Scheichs - Julia EXTRA 446

 

Mit ihren Liebesromanen hat die australische Autorin Annie West schon einige internationale Preise gewonnen. Eine besondere Schwäche hat sie für Scheichs wie in „Der feurige Kuss des Scheichs“, der im März 2018 im Sammelband Julia EXTRA 446 bei CORA erschienen ist und eines ihrer liebsten Paare beinhaltet, das sie jemals geschrieben hat: einen Wüstenkrieger, der seine Meisterin in einer feurigen Prinzessin findet, die entschlossen ist, sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren, obwohl sie in eine Zweckehe gezwungen wird.

 

Die anhaltende Faszination des Scheichs

Sie haben noch nie einen Scheich-Liebesroman gelesen, weil Sie der Meinung sind, die wären altmodisch und ganz bestimmt nichts für heutige Leser? Mir ging es genauso, als ich das erste Mal von diesem Subgenre der Wüstenromanzen hörte.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich auf einen Scheich als Held getroffen bin. Als ich anfing, Liebesromane zu lesen, waren die meisten Helden darin Europäer oder Amerikaner, manchmal auch Australier oder Neuseeländer. Es handelte sich um verwegene Männer in Stiefeln, Lebemänner aus der Zeit des britischen Regency, Geschäftsmänner, Jungs von nebenan, Bad Boys auf Motorrädern, gelegentlich auch um Cowboys, Adelige oder Antihelden aus Schauerromanen. Wozu brauchte ich da noch Scheichs?

Der Scheich - DVD-Cover klein - Best EntertainmentDoch mir war bewusst, dass sie auf der Liste potenzieller Liebesromanhelden auftauchen. Und ich wusste natürlich, dass Frauen scharenweise wegen Rudolph Valentino in Verzückung geraten waren, als er in den 1920er Jahren im Stummfilm Der Scheich die Leinwand eroberte. Ich konnte allerdings nicht verstehen, warum so ein Tamtam um diesen Heldentypus gemacht wurde. Da jedoch einige meiner Freundinnen auf Scheich-Liebesromane standen, entschied ich mich, die Sache mal eingehender zu betrachten.

Was ich dabei, natürlich, herausfand, war, dass kein Scheich-Liebesroman wie der andere ist.

In der bekanntesten Version gibt es einen mysteriösen, gutaussehenden Fremden, der die ausländische Heldin in seine Arme reißt – und auf sein Pferd – und sie in seinen Schlupfwinkel verschleppt, wo er sie verführt. Diese eskapistische Fantasie hat schon etwas Reizvolles und verrucht Gefährliches – von einem Mann, der sich selbstverständlich am Schluss Hals über Kopf in einen verliebt, in ein Leben voller Luxus entführt zu werden. Und was für tolle Voraussetzungen für Konflikte und Spannung für eine Autorin. Welche Heldin, die etwas auf sich hält, würde nicht in dieser Herausforderung schwelgen, die ein Mann darstellt, der jede Frau haben könnte, aber sich für sie entscheidet? Besonders wenn sich herausstellt, dass das Verlangen gepaart ist mit Respekt und Liebe.

Doch nicht in allen Scheich-Liebesromanen kommt eine Entführung vor. Ganz im Gegenteil! Die Handlungen variieren enorm, genauso wie Charaktere oder auch Schauplätze. Die Wüste ist nicht immer der Handlungsort. Manche Scheichs sind urbane Geschäftsmänner, die mit resoluten Frauen verhandeln. Andere sind Beschützer und geleitet von einem starken Ehrenkodex zu tun, was sie für richtig halten, auch unter schwierigen Umständen. Über Letztere schreibe ich besonders gerne.

Wüste abends

Es gibt nur eine Konstante: den Scheich. Wer gerne Alpha-Helden mag – und wer sich für historische Liebesromane oder Paranormals oder Liebesromane über Bad Boys und Milliardäre begeistert, tut dies vermutlich –, dem werden auch toll geschriebene Scheichs liegen.

Der Scheich ist der Inbegriff des Alpha-Helden. Er sorgt dafür, dass Dinge geschehen. Als Scheich, was so viel wie Anführer seines Volkes bedeutet, ist er eine Autoritätsperson. Ob er nun Gesetzgeber oder ein autokratischer Herrscher ist, ein reicher Geschäftsmann oder ein Playboy, er besitzt auf jeden Fall Macht und ist es gewohnt, dass man ihm gehorcht. Normalerweise beginnen Scheich-Liebesromane deshalb auch damit, dass der Held in der Beziehung mit der Heldin vermeintlich alle Macht in seinen Händen hält. Er könnte sehr rücksichtslos mit dieser Machtfülle umgehen, was sie in eine schreckliche Lage bringt – und was viele Liebesromanleser großartig finden. Denn, mal ehrlich, wenn für die Heldin alles glatt läuft, wie soll sich da Spannung aufbauen?

Szene aus "Lawrence von Arabien" © Sony Pictures Home Entertainment
Szene aus „Lawrence von Arabien“ © Sony Pictures Home Entertainment

Vielleicht begegnen sie sich fernab seines Königreichs, zum Beispiel in der Heimatstadt der Heldin. Er hebt sich von anderen Männern ab, weil er anders ist – faszinierend und unwiderstehlich. Und er fühlt sich zu ihr hingezogen, ob er das nun mag oder nicht. Obwohl sie vordergründig nicht die richtige Frau für ihn ist, weiß er doch instinktiv, dass sie etwas an sich hat, dass ihn anspricht, und das kann er nicht ignorieren. Seine unbeirrbare Fokussierung auf sie kann dazu führen, dass sie in gefährliches Fahrwasser geraten, wo ihre Anziehungskraft und ihr Pflichtgefühl aufeinanderprallen.

Wo auch immer die Geschichte spielt, der Scheich ist ein Mann, der entschlossen ist, zu bekommen, was er haben will. Wenn er sich auf seinem eigenen Hoheitsgebiet befindet und er die Heldin haben möchte, dann erhöht das die Spannung. Da er in seiner Welt die absolute Macht besitzt und seine eigenen Regeln aufstellt, kann er über die Frau herrschen, die er gelockt, verführt, entführt, gerettet oder gefunden hat. Für die Leser ist es prickelnd sich zu fragen, ob er diese Macht für seine eigenen Zwecke einsetzt oder sich zurückhält und der Heldin auf Augenhöhe begegnet – und aus Liebe auf diese Macht verzichtet.

Dass eine Heldin verletzlich ist, muss nicht heißen, dass sie schwach ist. Das gilt vor allem für moderne Scheich-Liebesromane. Denn starke Helden von heute brauchen auch starke Heldinnen. Eine Heldin unserer Zeit wird sich kaum widerstandslos unterwerfen, wenn ein Scheich sie in seinen Harem verschleppen will. Doch selbst wenn die Heldin willensstark und eigenständig ist und selbst wenn ihr Scheich nicht durch die Wüste reitet, um sie zu kidnappen, fordert er sie auf irgendeine Weise heraus – ob es nun um ihre Freiheit geht, ihre Sichtweisen oder ihre Zukunftspläne. Er mag Armani tragen und ein multinationales Unternehmen leiten oder das Leben eines Nomaden führen, er ist in jedem Fall eine Bedrohung: der mächtigste Mann, dem sie je begegnet ist – und der faszinierendste. Er bringt ihre friedliche Welt durcheinander und stellt sie so auf den Kopf, dass sie sich für immer verändert.

Lawrence von Arabiene - DVD-Cover klein - Sony Pictures Home EntertainmentIn der Regel sind Scheich-Liebesromane auch sehr sinnlich aufgeladen. Das ist ein anderer Trumpf! Und dann kollidieren darin oft auch zwei sehr verschiedene Welten miteinander, was mit etlichen Herausforderungen einhergeht. Vor allem aber geht es um die Macht der Liebe, die widrige Umstände überwindet und Held und Heldin in einem Happy End vereint, das – möglichst – für immer und ewig anhält.

Jahrhundertelang haben Geschichten über Scheichs, Sultane und Paschas das Publikum in ihren Bann gezogen, teilweise vielleicht wegen der westlichen Betrachtungsweise des sexuellen Machtspiels, das mit einem Harem assoziiert wird. Man denke nur an Mozarts Entführung aus dem Serail, Edith Maud Hulls Roman „Der Scheich“, dessen Verfilmung, wie schon angeführt, Rudolph Valentino zum Pin-up-Boy einer ganzen Generation von Frauen machte, oder an Peter O’Toole und Omar Sharif in Lawrence von Arabien. Das erinnert mich daran – habe ich eigentlich schon die Gewänder und die schönen Pferde erwähnt?

Der Scheich beschwört Bilder ungezähmter Macht, wilder Natur, extremen Reichtums, einem unabhängigen Geist, eines Kriegers, sexueller Leistungsfähigkeit – denken wir an die legendenumwobenen Harems –, alter Traditionen, Ehre und exotischer Orte herauf. Was die Kulisse angeht, so denkt man unweigerlich an den mysteriösen Zauber des Morgenlandes, an seidene Teppiche, arabische Paläste, Wüstenoasen oder auch die glitzernden Hotspots der Schönen und Reichen. Die Welt liegt dem Scheich zu Füßen.

Arabischer Palast Pixabay

Ich habe schon von Wüstenprinzen gelesen, die Actionhelden waren in packenden Abenteuergeschichten oder ehrenvolle Männer, deren vorrangiges Ziel es ist, die zu beschützen, für die sie verantwortlich sind. Mir sind sie schon als sexy Verführer untergekommen, für die sich das Blatt gewendet hat, und als weltmännische, einflussreiche Industriemagnaten, die schmerzhaft vor Augen geführt bekommen, dass eine einzige Frau all ihre Pläne durchkreuzen kann.

Wer starke Alpha-Helden liebt, der könnte mit Scheich-Liebesromanen perfektes Lesematerial für sich finden. Und wer sich an Geschichten erfreut über Aschenputtel, das zur Prinzessin wird, über das Dilemma, sich zwischen Pflichterfüllung und Liebe entscheiden zu müssen, oder über einen starken Mann, der dazu gebracht wird zu erkennen, dass die Liebe eine Macht ist, gegen die er keine Chance hat, sollte unbedingt einen Scheich-Liebesroman ausprobieren.


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Bilder © CORA, Best Entertainment, Sony Pictures Home Entertainment, Pixabay