Leseprobe Stefanie Ross – Einsame Entscheidung


Werbung
Werbung

 

Romantikthriller
STEFANIE ROSS
Einsame Entscheidung
Self-Published
TB, € 7,49/ E-Book, € 2,99
Dezember 2015
www.stefanieross.de

 

 


Joss wechselte unter Kalils amüsiertem Blick zum vierten Mal den Sender. Gab es denn keine andere Musik außer Weihnachtsliedern? Last Christmas, I gave you my heart, but the very next day … weiter kam der Quälgeist, der sich Sänger nannte, nicht. Joss drückte so fest auf den Knopf, der den MP3-Player zuschaltete, dass es bedrohlich knackte.

„Hey, das ist kein Leihwagen, sondern meiner.“

„Ich tu deinem Baby schon nichts. Nervt dich dieser Weihnachtsscheiß nicht?“

Kalil schüttelte den Kopf. „Ich finde es eher witzig. Meine Mutter hat früher mit uns das Fest auch gefeiert. Natürlich ohne Tannenbaum. So was gab’s in den afghanischen Bergen nicht, und selbst wenn es die gegeben hätte, dann wäre es auch nicht so sinnvoll gewesen, christliche Symbole offen zu zeigen.“

Joss schnaubte. „Als wenn der ganze Kram noch was mit Kirche zu tun hätte! Es ist reiner, nerviger Kommerz. Mehr nicht.“

Kalil zog eine Augenbraue hoch. „Ach wirklich? Hast du deshalb gestern noch für Bassir und deine Neffen und Nichten in Deutschland Geschenke bestellt und fieberhaft gerechnet, ob sie noch rechtzeitig eintreffen? Und gab es da nicht vor einigen Jahren ausgerechnet zur Weihnachtszeit einen Zwischenfall, der fast fürchterlich schief gegangen wäre? Ich habe sogar von absolut pragmatischen SEALs gehört, dass sie es ein Weihnachtswunder genannt haben, dass du und Andi überlebt haben.“

„Das waren nur ein paar Zufälle. Rase lieber nicht so, es gibt hier Radarfallen!“

„Vor denen mich meine App rechtzeitig warnen wird. Wieso reagierst du eigentlich so allergisch auf Weihnachten? Da dir die Religion egal ist, fällt mir kein vernünftiger Grund ein.“

„Die nächste Ausfahrt, dann sind wir in wenigen Minuten am Restaurant.“

„Danke für die Info, die mir allerdings auch mein Navi anzeigt. Dieser Themenwechsel war absolut missglückt.“

Das Restaurant, das einem der Geschäftsleute gehörte, für die sich Ted interessiert hatte, fanden sie problemlos. Die Suche nach einem Parkplatz gestaltete sich schwieriger.

„Im Film bekommt jeder Held direkt vor seinem Ziel einen freien Platz. Warum sieht die Wirklichkeit nur immer anders aus?“, beklagte sich Kalil.

„Kann ich dir nicht sagen, aber versuch es dort drüben.“

Fluchend bog Kalil in das Parkhaus ein, das einen fürstlichen Stundensatz verlangte. „Darf ich den Special Agent nochmals darauf hinweisen, dass man in dem Laden Reservierungen braucht? Laut Internet ist das Restaurant auf mindestens zwei Monate ausgebucht.“

„Das mag sein, aber ich denke, wir bekommen trotzdem einen Platz.“

Kalil schwieg, bis er seinen Range Rover in eine schmale Lücke rangiert hatte. „Ich bin gespannt, wie du da reinkommen willst. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die einen Dresscode haben? Anzug und Krawatte. Nicht Jeans und T-Shirt.“

„Ich trage immerhin ein Hemd“, stellte Joss richtig und hoffte dabei, dass er mit seiner Einschätzung richtig lag.

Der Blick des Türstehers war nicht schwer zu verstehen. Er hielt sie für Touristen, Marke lästig, und bereitete sich bereits darauf vor, sie zu verscheuchen.

„Sag ich doch“, zischte Kalil ihm zu.

„Abwarten“, erwiderte Joss und holte aus der Tasche seines Hemds zwei Dinge. Er gab dem Türsteher die Visitenkarte seiner Anwaltskanzlei und ließ ihn dabei einen Blick auf seine Platinkreditkarte werfen. „Ich fliege außerplanmäßig erst einen Tag später nach New York zurück. Besteht eine Chance, dass mein Bruder und ich auch ohne Voranmeldung einen Tisch bekommen?“

„Selbstverständlich, Mr. Rawiz. Wenn Sie bitte kurz an der Bar Platz nehmen würden. Eine unserer Damen kommt sofort und geleitet Sie zu Ihren Plätzen.“ Zuvorkommend hielt der Mann ihnen die Tür auf.

Bei der Bar angekommen, schüttelte Kalil den Kopf. „Bruder? Aber dann bist du bitte jünger. Mein Bedarf an älteren Brüdern ist gedeckt.“

Grinsend bestellte Joss beim Barkeeper zwei Bier. Sie beide litten unter ihren älteren Brüdern, die mit einem übertriebenen Beschützerinstinkt und einer fatalen Neigung, alles besser zu wissen, ausgestattet waren. Vermutlich war das einer der Gründe, warum sie so gut befreundet waren.


Textauszug mit freundlicher Genehmigung der Autorin

© Stefanie Ross