Leseprobe Ruth Axtell – Esperanzas Weg


Cover - Axtell, Ruth - Esperanzas Weg - Francke

 

 

Christlicher Roman/ Historischer Liebesroman
RUTH AXTELL
Esperanzas Weg (Her Good Name)
Aus dem Amerikanischen von Dorothee Dziewas
Francke, PB, € 14,95
März 2017
www.francke-buch.de

 

 


Holliston, Maine, Juni 1892

„Warum bist du so in Gedanken vertieft, Brenty?“
Espy Estrada trat hinter dem dicken Stamm einer Ulme hervor und versperrte Warren Brentwood den Weg.
Er blieb wie angewurzelt stehen. Es war ihm unangenehm, dass er sich erschrocken hatte, und dann ärgerte er sich darüber, dass es ihm unangenehm war, und so nickte er nur kurz. „Hallo, Esperanza.“
„Selber hallo, Warren.“ Sie stemmte eine schmale Hand in die Hüfte und schob eine Schulter vor. Ihre Augen, die von dichten Wimpern umrahmt wurden und deren Farbe irgendwo zwischen Bernstein und Braun changierte, funkelten belustigt.
Durch die hohen Ulmen, die über die Straße hinausragten, warf die Sonne Schattenflecken auf ihren ebenmäßigen Teint. „Was ist los? Hast du deine Zunge verschluckt?“
Sie zog die Mundwinkel nach oben, als wüsste sie ganz genau, wie verwirrend ihr Lächeln war, und als hätte sie vor, dieses Wissen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Da Espy in den Slums am Stadtrand von Holliston aufgewachsen war, hätte Warren erwartet, dass sie inzwischen den einen oder anderen Zahn verloren hätte, aber ihre Zähne waren strahlend weiß. Umgeben von ihrer braunen Haut leuchteten sie nur noch mehr.
„Wo kommst du denn her?“
„Ich war die ganze Zeit hier. Du warst ja mit den Gedanken meilenweit fort. Woran hast du denn gedacht?“
Warren schluckte und widerstand dem Drang, einen Schritt von Espy zurückzuweichen. In letzter Zeit schienen ihre Wege sich oft zu kreuzen. Seit er vor einigen Wochen nach Holliston zurückgekehrt war, fiel ihm jedes Mal, wenn er ihr über den Weg lief – oder sie ihm – auf, was für eine ansehnliche junge Frau aus dem barfüßigen Mädchen geworden war, das in seinem ausgeblichenen Kattunkleid in der ersten Reihe des Schulhauses gesessen hatte, in das sie beide früher gegangen waren.
Anstatt ihre Frage zu beantworten, stellte er selbst eine. „Was machst du denn in der Elm Street?“ Immerhin war diese Straße ein ganzes Stück von ihrem Stadtviertel entfernt.
Wenn seine spitze Frage sie aus der Fassung brachte, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie schob die Unterlippe ein wenig vor und sah ihn aus großen, tief liegenden Augen an.
„Ich habe hier heute Nachmittag eine Ver-ab-re-dung.“ Sie betonte die einzelnen Silben, als wollte sie die Bedeutung des Ereignisses unterstreichen.
„Wirklich?“ Er konnte die Überraschung in seiner Stimme nicht verbergen.
Espy nickte und warf ihm einen kecken Blick zu. Ihr goldfarbener Teint verriet die portugiesische Herkunft väterlicherseits und hob sich deutlich von der modischen Blässe der Frauen ab, die er sonst kannte. Aber er passte gut zu ihren Haaren, die zu einem lockeren Knoten hochgesteckt waren, aus dem Ranken wie glänzende Schlangen über ihren Hals krochen. Ihre Strohhaube war zurückgerutscht und wurde nur noch von dem Band über Espys Schlüsselbein gehalten.
Warren sah, dass ihre Kleidung sich nicht sehr verändert hatte, aber das, was sich darin befand, hatte sich ganz eindeutig verändert. Hastig wandte er den Blick ab, weil die Richtung, in die seine Gedanken wanderten, ihn beunruhigte.
Mit einem kurzen Nicken machte er Anstalten, an ihr vorbeizugehen. „Wenn du mich entschuldigst, Esperanza … ich war gerade auf dem Weg zurück ins Büro.“
„Es gefällt mir, wenn du mich Esperanza nennst. Irgendwie klingt das so steif und spießig. Ist das die Stimme, mit der du den ganzen Tag im Büro sprichst, wenn du in der Mühle hinter deinem großen Schreibtisch sitzt?“
Warren starrte sie an und fragte sich, was sie meinte. Bevor ihm eine passende Entgegnung in den Sinn kam, fiel sie mit ihm in Gleichschritt. Ihre bloßen Arme schlenkerten munter vor und zurück. Er konnte es sich nicht verkneifen, kurz die Straße hinaufzuspähen, um zu sehen, ob jemand in der Nähe war.
Was für ein merkwürdiges Paar sie abgeben mussten; er in seinem Anzug – „spießig“ hatte sie ihn genannt – und sie … erneut musterte er ihre Silhouette. Espy trug einen dunkelblauen Baumwollrock und eine karierte, kurzärmlige Bluse. Als sein Blick zu Boden wanderte, stellte er überrascht fest, dass sie nicht barfuß war, sondern unter dem Saum ihres Rocks staubige Stiefeletten hervorlugten. Als Mädchen war sie im Sommer immer barfuß herumgelaufen.
„Willst du nicht wissen, wohin ich gehe?“
Er ging schneller, um zu zeigen, dass er weder Zeit noch Neigung hatte herumzustehen und Konversation zu betreiben. Doch anstatt mit einem eindeutigen „Nein“ zu antworten und sie ein für alle Mal loszuwerden, ertappte er sich dabei, wie er sagte: „Wohin gehst du denn?“
„Zu den Stocktons.“
Warren riss die Augen auf. George Stockton war Professor an der örtlichen Schulakademie.
„Ja, genau.“ Sie faltete die Hände auf dem Rücken. Aus dem dürren, schlecht ernährt aussehenden Mädchen von etwa acht Jahren war eine große, gertenschlanke Frau geworden.
Er spürte, wie die Röte seinen Hals hinaufkroch.
„Mrs Stockton stellt mich vielleicht ein“, fuhr sie fort.
„Ich verstehe.“ Natürlich, eine Stellung als Dienstmädchen.
„Was soll das heißen: ‚Ich verstehe‘?“ Espy ahmte seinen Tonfall nach.
Hatte er wirklich so überheblich geklungen? Nach dem „steif und spießig“ traf ihn das Nachäffen doch ein wenig.
„Das heißt, dass ich angenommen habe, dass Mrs Stockton dich als Haushaltshilfe einstellen könnte.“
Das Funkeln in ihren Augen erlosch und ihre Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund. Warren wandte den Blick ab und zwang sich, nur darauf zu achten, was sie sagte.
„Ich habe neulich gehört, wie Mrs Stockton in Watts Bekleidungsgeschäft mit Mrs Ellison gesprochen und ihr erzählt hat, Annie hätte sie verlassen und sie bräuchte ein neues Mädchen, das ihr beim Putzen und den gröberen Arbeiten hilft.“ Jetzt lächelte sie wieder. „Also werde ich meine Arbeit in der Konservenfabrik kündigen und für die Stocktons arbeiten. Mrs Stockton sagte, ich könnte die Bibliothek ihres Mannes abstauben.“
Der Professor unterrichtete Geschichte und hatte eine gut gefüllte Bibliothek. Warren hatte sich in seiner Schulzeit so manches Buch von ihm ausgeliehen. „Da dürftest du eine Weile zu tun haben.“
„Vielleicht darf ich ja welche von seinen Büchern lesen.“
Warren zog seine Augenbrauen fast unmerklich hoch. „Liest du gerne?“ Espy war in der Grundschule einige Jahre unter ihm gewesen, also hatte er nicht viel von ihr mitbekommen. Und als er auf die weiterführende Schule gekommen war, hatten ihre Welten sich nicht länger überschnitten.
„Ich lese für mein Leben gern! Aber ich bekomme nicht so oft Bücher in die Hand. Das ist einer der Gründe, warum ich für die Stocktons arbeiten möchte.“
Wenn er sich recht entsann, war Espy in der Grundschule eine intelligente Schülerin gewesen. Warren runzelte die Stirn. „Zahlt die Konservenfabrik nicht besser?“
„Ja, aber die Bezahlung ist nicht alles.“
Dass sie das sagte, stimmte ihn nachdenklich. „Ich dachte, das Geld, das du von der Arbeit nach Hause bringst, hilft deiner Mutter. Hast du nicht einige Geschwister, die noch zur Schule gehen?“
Er hatte sich die ganzen Estradas nie merken können. Jeden Herbst schien ein neues Familienmitglied in die Schule zu kommen, und die jüngeren liefen hinter den älteren her.
„Sechs gehen in die Schule, Alvaro und Angela sind fertig, und die zwei jüngsten sind noch zu Hause.“
Warrens Kopf drehte sich von der Aufzählung. „Wie viele seid ihr insgesamt?“
Sie hob keck das Kinn. „Elf.“
Er überlegte, was er sagen sollte. „Was machen denn die älteren im Moment?“
„Angela arbeitet auch in der Konservenfabrik. Weil wir in unterschiedlichen Schichten arbeiten, können sie, Mama und ich uns um die Kleinen kümmern. Alvaro sucht gerade eine Arbeit.“ Espy warf ihm einen hoffnungsvollen Blick zu. „Vielleicht könnte er ja in eurem Sägewerk arbeiten.“
Warren nickte, aber er verlor das Interesse. Die meisten gesunden jungen Männer arbeiteten irgendwann im Sägewerk, wenn sie keine Fischer waren. „Klar, sag ihm, er soll sich bewerben.“
„Ich dachte, du könntest vielleicht ein gutes Wort für ihn einlegen, weißt du, weil dein Vater dir doch jetzt die Leitung übergeben hat.“
„Mal sehen.“ Warren holte seine Uhr heraus und warf einen Blick darauf. Sein Vater war sehr pedantisch, was Pünktlichkeit betraf. „Also, Esperanza, jetzt muss ich aber wirklich los.“
„Wieso hast du es denn so eilig?“ Sie zupfte an dem Band ihrer Haube, sodass seine Aufmerksamkeit auf ihr Schlüsselbein gelenkt wurde. „Du scheinst es immer schrecklich eilig zu haben.“
Allmählich wurde Warren ärgerlich. „Hast du nicht eine Verabredung? Ich könnte mir vorstellen, dass du Mrs Stockton nicht warten lassen willst.“
Esperanza zuckte mit den Schultern. „Mrs Stockton sagte, ich solle irgendwann heute Nachmittag vorbeikommen.“
„Ich hingegen muss um eins wieder im Büro sein, und wenn es nicht etwas ganz Bestimmtes gibt, weswegen du mich sehen wolltest“ – er lupfte seinen Hut ein wenig und setzte ihn dann wieder auf, so wie er es Hunderte Male bei seinem Vater gesehen hatte, wenn dieser eine Begegnung abkürzen wollte, ohne unhöflich zu erscheinen, und auch sein Tonfall klang so wie der seines Vaters, als er dessen Worte nachplapperte – „dann sage ich Auf Wiedersehen.“
Bevor er zu Ende gesprochen hatte, lächelte Espy. „In Ordnung. Wir können zusammen gehen.“
„Wie du willst.“ Seine Worte klangen kurz angebunden.

***

Espy war glücklich, dass sie einige Minuten in Warren Brentwoods Gegenwart verbringen konnte. Während sie gemeinsam die Straße hinuntergingen, plauderte sie über die Menschen in Holliston und darüber, was sich alles ereignet hatte, während er fort gewesen war.
An der Kurve vor der Brücke blieb Espy stehen und lächelte Warren an. „Vielleicht laufen wir uns ja morgen wieder über den Weg.“
„Vielleicht.“ Er tippte sich kurz an die Hutkrempe und verließ sie mit langen Schritten, die ihn in Richtung Brücke trugen.
Seine kurze Antwort war weder Ermutigung noch Entmutigung. Sie würde damit zufrieden sein müssen, dass er nicht Nein gesagt hatte.
Espy beobachtete Warren noch einige Augenblicke, während er auf der überdachten Brücke verschwand, die über diesen Abschnitt des Flusses führte. Wenn Warren Brentwood sich überhaupt verändert hatte, dann war er noch attraktiver geworden, als sie ihn in Erinnerung hatte. Sie hatte ihn immer aus der Ferne bewundert, den Schulhelden, dessen sportliche Errungenschaften ebenso beeindruckend waren wie seine schulischen Leistungen und ihn zum meist gepriesenen Schüler des Ortes machten.
Sie selbst war natürlich nicht bis zur Highschool gekommen. Ungefähr zu dem Zeitpunkt hatte ihr Vater seine Verletzung erlitten und als ältestes Kind hatte Espy in der Konservenfabrik anfangen müssen, um Geld zu verdienen.
Aber sie hatte Warren auf dem Spielfeld beobachtet und in der Holliston News über ihn gelesen.
Seine Jahre im College hatten seine breiten Schultern nur noch breiter werden lassen und das Grün seiner Augen war jetzt noch intensiver. Er hatte gewonnen an … Espy suchte in Gedanken nach einem angemessenen Wort, fand aber keines. Jedenfalls erschien er ihr mehr Mann zu sein als die anderen Männer seines Alters in dieser Stadt. Ihre Mutter würde sagen: „Er ist ein Sahnebonbon.“
Doch Espy wusste, dass Warren Brentwood mehr zu bieten hatte als nur ein attraktives Äußeres. Er trug nicht nur einen klugen Kopf auf den Schultern, sondern hatte auch ein Herz. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie freundlich er in der Grundschule jüngeren Kindern gegenüber gewesen war. Und da er ein geborener Anführer war, waren andere seinem guten Beispiel gefolgt. Hinzu kam, dass er kein Schwächling war: Er hatte jeden Jungen verprügelt, der es gewagt hatte, ein Mädchen oder ein kleineres Kind zu ärgern.
Aber seit seiner Rückkehr hatte Warren sich jedes Mal entweder äußert reserviert verhalten oder er war in Eile gewesen, wenn sie ihm begegnet war. Hatten die Zeit auf dem teuren Privatcollege und zwei Jahre Reisen in alle Teile der Welt ihn etwa in eine Kopie seines Vaters verwandelt? Sie hoffte nicht.
Espy spielte mit dem Band ihrer Haube und fragte sich, welche Erinnerung Warren an sie hatte. Ein dürres, kleines Mädchen mit Zöpfen? Wie auch immer, sie gedachte dafür zu sorgen, dass Warren Brentwood bemerkte, wie sehr sie sich in den vergangenen Jahren verändert hatte.


Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags
© Francke

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