Leseprobe Nancy Warren – Die Flucht der Braut


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Gegenwartsliebesroman
NANCY WARREN
Die Flucht der Braut
The Almost Wives Club
Self-Published, E-Book, €0,99/ TB, €8,99
Mai 2018
www.nancywarren.net

 

 


Kate Winton-Jones versuchte, nicht zu atmen. Wenn sie zu tief Luft holte, attackierten Stecknadeln ihren Oberkörper wie Bataillone winziger Bajonette. Zwei Näherinnen arbeiteten an der letzten Anprobe ihres Hochzeitskleides und Meter um Meter Seide und Tüll und Hunderte kleiner Perlen mussten perfekt abgestimmt sein. So absolut perfekt, wie die Hochzeit des Jahres zwischen Katherine Winton-Jones und Edward Carnarvon III sein musste.
Es herrschte komplette Stille in Evangelines Verkaufsatelier am Rodeo Drive, während die beiden Frauen neben ihr knieten und die Nähte um ihre Taille absteckten.
„Ich verstehe nicht, wieso du kurz vor deiner Hochzeit so viel abgenommen hast. Das Kleid wurde passgenau zugeschnitten“, klagte ihre Mutter. „Wie überaus gedankenlos von dir, Kate. Dies ist nicht der passende Zeitpunkt für eine Diät.“
„Keine Diät“, flüsterte sie und versuchte zu sprechen, ohne einzuatmen. „Stress.“
Ihre Mutter trug einen ihrer zahlreichen Chanel-Anzüge, dieser war blassgrün. Eine dicke Perlenkette umschloss ihren Hals und ihr Haar war frisch vom Frisör gelegt. „Unsinn. Warum in aller Welt solltest du gestresst sein?“
Kate hätte den ständigen Druck erklären können, unter dem sie stand, um finanzielle Förderungen für das Nachmittagsprogramm für gefährdete Mädchen aufzutreiben, für das sie arbeitete, aber ihre Mutter verabscheute es, wenn sie über ihre Arbeit sprach. Ihr Job mochte nicht glamourös oder hochbezahlt sein, aber was sie tat, war wichtig.
Sie legte eine Hand auf ihre Taille und verschob heimlich eine Stecknadel, die sich anfühlte, als wollte sie versuchen ihren Blinddarm zu durchbohren. Die Brillanz ihres dreikarätigen Diamantrings traf das Licht und glitzerte in dem dreiseitigen Spiegel wie ein winziger Blitzregen.
Die Türen hinter ihnen wurden geöffnet und Evangeline, die prominente Designerin des Kleides, schritt herein. Kate hätte schwören können, dass die Temperatur im Raum um einige Grade gefallen war.
„Und sind Sie nicht die wunderschönste Braut?“, verkündete Evangeline mit ihrem deutlichen britischen Akzent.
Beide Näherinnen zuckten zusammen, als die Designerin ihre Arbeit inspizierte. Kate hatte Stichwunden als Beweis dafür. „Und dieses Kleid sieht fantastisch an Ihnen aus. Ab-so-lut fantastisch. Mit Ihrem exquisiten hellen Teint und Ihrem goldenen Haar sehen Sie wie Grace Kelly aus.“ Kate hatte ihre blonden Haare lang getragen, so lange sie sich zurückerinnern konnte. „Sie werden es hochgesteckt tragen? Wie wir es besprochen haben?“
„Ja.“ Evangeline hatte sie für eine Beratung zu einem speziellen Frisör geschickt.
„Gut. Sie haben diesen reizenden langen Hals. Meine Inspiration für dieses Kleid war eine Lilie. Fantastisch“, wiederholte sie.
„Oh, Evangeline, Sie sind fantastisch“, schwärmte Kates Mutter. Evangeline war Model und Schauspielerin in London gewesen, die mehr für die Männer, mit denen sie ausging, bekannt war, als für die Produkte, für die sie warb. Sie war mit weitläufig verwandten Mitgliedern der königlichen Familie liiert gewesen, hatte mit einem Filmstar zusammengelebt und war mit einigen Tycoons verheiratet und wieder geschieden. Als sie sich ihren Vierzigern näherte, beendete sie das Modeln und die Schauspielerei und widmete sich dem Modedesign.
Evangeline spezialisierte sich auf Hochzeitskleider und Dessous, die so exquisit und teuer waren, dass Kate versucht wäre, sie an die Wand zu hängen, wenn sie tatsächlich welche besäße. Die Designerin lehnte mehr Aufträge von Bräuten ab, als sie annahm, und es war ein offenes Geheimnis, dass sie ihre märchenhaften Hochzeitskleider nur für attraktive Frauen entwarf. Es hatte ein nervenaufreibendes Meeting gegeben, in dem Kate vor Evangeline erscheinen musste, mit Fotos, und vor der Designerin auf und ab gehen musste. Am Ende des Treffens hatte die Frau frostig gelächelt und gesagt: „Danke. Ich werde mich melden.“
Anstatt Aufträge zu verlieren, machten ihre Unhöflichkeit und kritischen Standards – in Verbindung mit den unerhörten Preisen – ihre Kleider nur noch begehrenswerter. Evangelines Kreationen hatten Prinzessinnen, Töchter von prominenten Politikern und Filmstars für ihren Weg zum Traualtar eingehüllt. Es gab Berichte, dass ein Filmstar durchgedreht war, nachdem Evangeline es abgelehnt hatte, ein Brautkleid für sie zu entwerfen. In Folge dessen wurde sie aus der Fernsehserie, in der sie seit drei Jahren gespielt hatte, hinausgeschrieben.
Evangelines perfekter Teint zeigte einen Moment lang Falten. „Oh je“, sagte sie und kam näher. „Was ist mit Ihren Brüsten passiert?“
Alle Augen starrten auf Kates offenherziges Dekolleté.
„Sie ist auf Diät“, sagte ihre Mutter mit verzweifeltem Tonfall. Als würde Evangeline ihrer Tochter das Kleid vom Leibe reißen, wenn sie das BH-Körbchen des Kleides nicht ausfüllen konnte.
„Bitte nehmen Sie nicht noch mehr ab.“ Sie legte ihre Hände unter Kates Brüste und, während alle auf ihr Dekolleté im Spiegel starrten, schob sie so weit in die Höhe, bis sie das Vakuum ausfüllten. Es schien, als würden alle den Atem anhalten, so lange die Designerin das Resultat begutachtete. Sie nickte forsch. „Ich habe ein paar gelgefüllte Pölsterchen. Die werden Ihnen sofort ein bisschen Fülle geben.“ Dann entfernte sie ihre Hände und erlaubte den Brüsten, wieder in Bedeutungslosigkeit zu verfallen. Die Designerin schnippte ihre Finger in Richtung einer der knienden Untertaninnen. „Du. Hol die Gel-Pölsterchen.“ Die Frau stand auf und eilte aus dem Zimmer.
Ihre Mutter hob ihren Zeigefinger und schimpfte. „Sei so gut und iss etwas, wenn du heute mit Ted Abendessen gehst.“
Sich an die Designerin wendend fragte sie: „Glauben Sie, dass Sie es zur Hochzeit schaffen werden? Es würde uns so viel bedeuten.“
„Ich werde es versuchen“, sagte sie mit luftiger Stimme. „Ich sehe die Mädchen immer gern in meinen Kleidern.“
Es würde der Veranstaltung natürlich mehr Glamour verleihen, sollte Evangeline auftauchen, besonders, wenn sie am Arm ihres momentanen Verehrers kam – einem heißen jungen Filmstar aus Barcelona.
Sie wandte sich wieder Kate zu, wobei ihre dunklen Haare wie in einer Shampoo-Werbung über ihre Schulter flogen. So oft Kate sie auch im Fernsehen und auf Magazinen gesehen hatte, war sie doch von der puren Schönheit der Frau überrascht. Perfekte mandelförmige Augen in glitzerndem violettem Blau, das aussah, als hätte sich ein Saphir mit einem Amethyst verbunden, makellose Haut, glänzendes Haar, weiße, ebenmäßige Zähne und ein Körper, der Kate sich völlig unzulänglich fühlen ließ.
Ihre perfekten Lippen pressten sich leicht zusammen, als sie Kate von Kopf bis Fuß kritisch musterte.
„Keine Diät mehr“, wies sie an. Dann schnappte sie in Richtung der Assistentin, die immer noch kniete: „Du hast die Naht ruiniert. Steck es noch einmal ab.“
Kate konnte die Finger der Frau zittern spüren, während sie ein halbes Dutzend Nadeln aus dem Stoff nahm und die Naht, die von Kates Brustkorb zu ihrer Hüfte verlief, neu absteckte.
„Schnell. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“
Kate zuckte zusammen, als eine Nadel eine empfindliche Stelle traf. Möglicherweise ihre Leber.
Zu ihrem Entsetzen sah sie, wie ein Blutfleck entstand, ein grellroter Punkt, der die perfekte weiße Seide verunstaltete. Die Näherin versuchte, den Fleck mit ihrer Hand zu verdecken, aber Evangeline riss ihre Hand fort. „Du dumme Kuh“, schrie sie und schien ihren gehobenen Akzent zu verlieren. „Du hast es ruiniert! Verschwinde! Du bist gefeuert.“
Kates Mutter flatterte umher wie eine aufgescheuchte Henne. „Kaltes Wasser, kein Sodawasser, kein, warte – Salz?“, murmelte sie.
„Es war nur ein Versehen“, sagte Kate und kam der armen Frau zu Hilfe, die bestimmt auf diesen schrecklichen Job angewiesen war.
Aber niemand hörte ihr zu.
Die Näherin stand auf, ihr Gesicht vor Zorn knallrot, ihre dunklen braunen Augen brannten. Sie hielt eine Nadel, als wäre sie eine Waffe und hielt das spitze Ende Evangeline entgegen. Sie schrie etwas in einer Sprache, die sich wie russisch anhörte, Worte, die harsch und beängstigend klangen. Dann aber schrie sie auf Englisch: „Sie sind eine bösartige Frau und ich verfluche Sie. Und ich verfluche dieses Kleid!“ Dann schmiss sie die Nadel, deren Spitze von Kates Blut rot gefärbt war, auf den Boden, spuckte darauf und zermalmte die Nadel mit ihrem schweren schwarzen Schuh auf dem königsblauen Teppich.
Es folgte eine erschrockene Stille, als sie aus dem Ankleideraum stürmte, gerade als die andere Assistentin mit den Gel-Pölsterchen hereineilte und sie ihnen wie eine Opfergabe hinhielt. Evangeline nahm sie entgegen. „Danke“, sagte sie und hielt inne, als würde sie versuchen, sich an den Namen des Mädchens zu erinnern, dann gab sie auf und nahm die Pölsterchen.
„Machen Sie sich keine Sorgen“, versicherte sie Kate. „Wir werden die Naht reparieren, so dass der bedauernswerte Fleck nicht sichtbar ist.“
Dann schob sie ihre Hände unter das Korsett, quetschte ein kaltes Pölsterchen unter jede magere Brust und arrangierte Kates Dekolleté.
Sie trat einen Schritt zurück und nickte.
„Sehr hübsch“, verkündete sie. Und dann, als wäre der unglückselige Vorfall mit dem Fluch nicht geschehen, war sie verschwunden.
Die verbliebene Assistentin machte sich an der Reihe winziger Knöpfe zu schaffen, die zu öffnen Kate aus dem Kleid befreien würden. Eine Sekunde lang sah sie aus, als wäre sie den Tränen nahe, dann, bevor sie das Kleid berührte, murmelte sie etwas mit zusammengebissenen Zähnen und bekreuzigte sich.


Textauszug mit freundlicher Genehmigung der Autorin
© Nancy Warren