Leseprobe Michelle Raven – Ein letzter Funke Hoffnung


Cover - Raven, Michelle - Ein letzter Funke Hoffnung - Self-Published

 

 

Romantic Suspense
MICHELLE RAVEN
Ein letzter Funke Hoffnung
Self-Published, E-Book, €2,99/ TB, €6,99
November 2017
www.michelleraven.de

 

 

 


Der komplette Hunter-Clan samt Anhang hatte sich um den großen Esstisch versammelt, der sich unter den zahlreichen Speisen geradezu bog, wie es bei ihnen zu Thanksgiving üblich war. Es herrschte eine fröhliche Stimmung, denn dieses Jahr war es allen gelungen, rechtzeitig einzutreffen. Clints Blick glitt zu seiner Lebensgefährtin Karen und wie immer überkam ihn ein beinahe schmerzhaftes Glücksgefühl, dass er sie gefunden hatte. Karen ihrerseits blickte zu seiner Mutter Angela, die völlig in die Aufgabe vertieft war, ihrem jüngsten Enkel die Flasche zu geben. Mit gerade mal vier Monaten sollte er eigentlich schon im Bett liegen, doch Liam hatte seinen eigenen Kopf. Seine Hände hatte er um die Flasche gelegt, um seine Großmutter daran zu hindern, sie ihm wegzunehmen, während er gierig trank.
Angela lachte leise. „Genauso eigensinnig wie sein Vater damals.“ Sie sah Clint an. „Ihr werdet jede Menge Spaß mit ihm haben.“
Das befürchtete Clint allerdings auch, aber er wollte keine Sekunde davon verpassen.
„Ich hoffe sehr, dass er so wird wie Clint.“ Karen lächelte ihn an. „Aber mir ist alles recht, solange es ihm gut geht.“
Maya verzog den Mund. „Dann bin ich bald nicht mehr die Größte?“ Seine Tochter hatte sich in den letzten fünf Jahren daran gewöhnt, das einzige Kind in der Familie zu sein und sämtliche Aufmerksamkeit zu bekommen.
Matt zog an Mayas Zopf. „Keine Angst, für mich wirst du immer die Größte sein.“
Das Lächeln, mit dem sie den Verlobten ihrer Tante Shannon bedachte, zeigte ein paar Zahnlücken, trotzdem war jetzt schon abzusehen, dass sie später vielen Männern den Kopf verdrehen würde und diese in Schlangen vor der Tür stehen würden. Wie gut, dass Clint darauf vorbereitet war. Als Captain bei den Navy SEALs war er es gewöhnt, seinen Willen durchzusetzen.
Shannon zog eine Augenbraue hoch. „Und ich dachte, das wäre ich. Gut, dass ich das noch vor der Hochzeit erfahren habe.“
Sofort legte Matt einen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. „Du weißt, dass du dir da keine Sorgen zu machen brauchst. Ich kann es kaum erwarten, dich endlich zu heiraten.“
Das war ein weiterer Grund, warum sie sich hier versammelt hatten: Shannons und Matts nachgeholte Verlobungsfeier. Gleichzeitig konnte Shannon mit ihrer Mutter hier schon einmal die Hochzeit zu Weihnachten vorbereiten.
Ein Lächeln spielte um Shannons Lippen. „Bist du sicher? Der Antrag klang nicht ganz so eindeutig.“
Laut stöhnte Matt auf. „Du fängst jetzt aber nicht wieder damit an, oder?“
Der Rest der Familie begann zu lachen. Die Art des Antrags war nicht lange ein Geheimnis geblieben, vor allem, nachdem Shannon sie in ihrem neuesten Buch verwendet hatte.
„Du glaubst doch nicht, dass ich das je vergessen werde?“ Sie beugte sich zu ihm hinüber und küsste ihn. „Es war originell, wenn auch nicht wirklich romantisch.“
Leigh, Shannons Zwillingsschwester, mischte sich ein. „Also ich stelle es mir schon romantisch vor – zu zweit in einem stickigen Lagerraum und dann der legendäre Spruch …“
Alle stimmten mit ein. „… dann heirate mich, verdammt noch mal!“ Gelächter erklang und übertönte Matts gespielt empörte Reaktion.
Clint grinste seinen Freund an. Es war herrlich, etwas zu haben, mit dem man ihn immer wieder aufziehen konnte. Das hatte ihm gefehlt, seit er zu Karen an die Ostküste gezogen war, während Matt mit Shannon weiter an der Westküste lebte.
Als sich das Gelächter etwas gelegt hatte, schüttelte Matt den Kopf. „Wirklich, man könnte meinen, dass ihr kein eigenes Leben habt, so wie ihr eure Nase immer in unseres steckt.“
„Selbst schuld, du wusstest, wie es sein würde, in den Hunter-Clan einzuheiraten. Jetzt musst du damit leben.“ Clint sagte es mit einiger Genugtuung.
Jahrelang hatte Matt während ihrer Zeit als SEALs behauptet, wie gut Clint es hätte, eine so große und sich nahestehende Familie zu haben, jetzt lernte er endlich mal die Nachteile kennen. Wobei Clint sehr glücklich war, als Hunter auf der Diamond Bar Ranch aufgewachsen zu sein, er liebte seine Familie über alles. Doch es war nicht immer einfach, von drei neugierigen und redseligen jüngeren Schwestern umgeben zu sein, die ihre Nase in Dinge steckten, die sie nichts angingen und immer alles untereinander besprachen. Und dazu noch zwei Brüder, von denen der jüngere seine Geduld öfter getestet hatte.
Tatsache war aber, dass Clint seine Familie liebte und alles für jeden von ihnen tun würde, wenn sie seine Hilfe brauchten. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft und jeder half den anderen. Selbst die Lebenspartner passten wunderbar in die Familie, auch wenn es nicht immer so reibungslos begonnen hatte.
Trotzdem war ihre Mutter Angela nicht vollständig glücklich, weil erst zwei ihrer Kinder verheiratet waren – beziehungsweise bald heiraten würden – und nur Clint ihr bisher Enkel geschenkt hatte. Deshalb war sie geradezu ekstatisch wegen der Möglichkeit, erneut auf der Ranch eine Hochzeit ausrichten zu können. Clint wusste, dass sie ihn am liebsten auch verheiratet sehen würde, aber Karen hatte so schlechte Erfahrungen mit ihrem Ex-Mann gemacht, dass sie noch immer vor einer Ehe zurückscheute. Wenn er ehrlich war, brauchte er aber auch kein Stück Papier, um zu wissen, dass Karen zu ihm gehörte.
Er traf ihren Blick und tauchte darin ein. Wie so oft schien sie seine Gedanken zu erraten. Unter dem Tisch berührte ihr Fuß seinen. Schon seit er sie während einer Mission in Costa Rica kennengelernt hatte, war diese Verbindung da gewesen. Trotzdem hatte es vier lange Jahre gedauert, bis sie zusammengekommen waren. Jetzt hatte er Mühe, auch nur einen Tag ohne sie und ihre Kinder zu leben. Apropos Kinder …
Clint stand auf. „Ich nehme Liam jetzt, Mom, damit du auch noch zum Essen kommst.“
Sofort protestierte seine Mutter. „Das ist wirklich nicht nötig, ich kümmere mich gerne um ihn.“
„Das weiß ich.“ Er ließ seine raue Stimme sanft klingen. „Du kannst ihn nach dem Essen wiederhaben.“
Mit einem Seufzer gab sie schließlich nach. „In Ordnung. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, seit ihr alle so klein wart.“
Chloe rollte mit den Augen. „Das ist ja inzwischen auch schon etliche Jahre her.“
„Eben! Und da ihr alle so weit entfernt lebt …“
Angelas altbekannte Tirade wurde vom Klingeln der Türglocke unterbrochen. Sie wechselten erstaunte Blicke.
„Erwarten wir noch jemanden?“ Georges Stimme drang durch den Raum. Clints Vater war deutlich schweigsamer als seine Mutter, deshalb hörte jeder sofort hin, wenn er etwas sagte.
„Nein, eigentlich nicht.“ Angela wirkte unsicher, als würde sie darüber nachdenken, ob sie jemanden vergessen hatte.
Clint änderte die Richtung. „Ich sehe nach, bleibt ruhig sitzen.“
Schnell ging er durch das Esszimmer und trat dann in die Eingangshalle. Eigentlich war das Haus viel zu groß nur für seine Eltern nach dem Auszug aller Kinder, aber es war ihr Zuhause und sie fühlten sich wohl hier. Wahrscheinlich hätten sie sich gewünscht, dass wenigstens eines ihrer Kinder auf der Ranch geblieben wäre und sie übernommen hätte, aber das hatte sich nicht ergeben. Tatsache war, dass seine Eltern inzwischen schon Mitte siebzig waren und niemand wusste, wie lange sie die Arbeit noch schaffen würden, die ein solch großes Anwesen mit sich brachte. Clints Herz zog sich zusammen. Angela und George konnte er sich nur gesund und kraftvoll vorstellen, der Gedanke, dass sie älter und gebrechlicher werden könnten, erschreckte ihn.
Kopfschüttelnd öffnete er die Tür und betrachtete die fremde Frau, die davorstand. Sie schien ein paar Jahre älter zu sein als er, mit attraktiven Gesichtszügen, die allerdings angespannt wirkten. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, so als hätte sie in letzter Zeit nicht genug Schlaf bekommen.
Verspätet erinnerte er sich an seine Manieren. „Guten Abend. Kann ich Ihnen helfen?“
Die Fremde starrte ihn an, als hätte sie einen Geist gesehen. Beinahe in Zeitlupe gaben ihre Knie nach und sie begann zu schwanken. Clint sprang vor und fing sie auf, bevor sie zu Boden fiel. Ihre Augenlider waren geschlossen, ihr Atem kam flach. Schnell hob er sie auf seine Arme und trug sie ins Wohnzimmer.
„Was ist passiert?“ Sein Bruder Jay blickte ihm erstaunt entgegen. „Wer ist die Frau?“
Clint hob die Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Sie hat mich gesehen und ist einfach umgekippt, ohne ein Wort zu sagen.“
Mit einem amüsierten Gesichtsausdruck kam Jay näher. „Also das ist mir noch nie passiert. Obwohl, einmal …“
„Darf ich dich daran erinnern, wie bleich du geworden bist, als du damals dachtest, ich wäre schwanger?“
Jay schnitt bei Jocelyns Erinnerung eine Grimasse. „Lieber nicht.“
Angela war aufgesprungen und eilte an Clints Seite. „Leg sie dort hinten aufs Sofa, Clint. Vielleicht ist sie krank und braucht einen Arzt.“ Streng sah sie ihren jüngsten Sohn an. „Und das ist keine Situation, in der man Witze machen sollte, Jonathan Hunter.“
Zerknirscht senkte er den Kopf. „Ja, Mom. Tut mir leid.“
„Hol schon mal das Telefon, falls wir einen Arzt rufen müssen.“ Seine Mutter blieb neben ihm, während Clint die Frau zum Sofa trug.
Vorsichtig legte er sie ab, nachdem seine Mutter ein Kissen in Kopfhöhe positioniert hatte. Die Fremde regte sich ein wenig, ihre Augenlider flatterten. Dann hoben sie sich und sie blickte Angela verwirrt an, die sich über sie beugte.
Angela lächelte sie an. „Wie geht es Ihnen?“
Die Frau blinzelte, dann versuchte sie, sich aufzurichten. „Es … es tut mir leid. Ich wollte …“
Beruhigend legte Angela ihr eine Hand auf die Schulter. „Gar kein Problem. Bleiben Sie ruhig liegen und ruhen Sie sich aus. Brauchen Sie medizinische Hilfe? Sollen wir einen Arzt rufen?“
„Nein, mir fehlt nichts.“ Sie rieb über ihre Schläfe, dann sah sie sich nervös um. Als ihr Blick auf Clint fiel, weiteten sich ihre Augen. Ihre Hand hob sich ein wenig, als wollte sie ihn berühren.
Automatisch trat Clint einen Schritt zurück, um nicht wieder einen Anfall zu provozieren. „Kennen wir uns?“
Ein schmerzhafter Ausdruck zog über ihr Gesicht. „Nein.“
Irgendwie hatte Clint den Eindruck, dass sie log. Oder zumindest etwas verheimlichte. „Sind Sie sicher? Sie sahen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen.“
Ihr Gesicht verzerrte sich, Tränen stiegen in ihre Augen. Hastig setzte sie sich auf. „Ich hätte nicht kommen sollen. Entschuldigen Sie die Störung.“


Textauszug mit freundlicher Genehmigung der Autorin
© Michelle Raven