Leseprobe Jana DeLeon – Tod im Tümpel


 

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Krimi
JANA DELEON
Tod im Tümpel
Swamp Sniper
Self-Published
TB, €13,90/ E-Book, €4,99
Januar 2016
www.janadeleon.com

 

 


 

„Fortune.“ Es klang, als wäre Gertie meilenweit von mir entfernt, dabei stand sie direkt neben mir.

Gerade als ich mich umwandte und versuchte, ihr die Worte von den Lippen abzulesen, drehte jemand auf der improvisierten Bühne mitten auf der Hauptstraße das Mikro auf. Das schrille Geräusch brachte meine Ohren zum Klingeln.

Wenn mir jemand erzählt hätte, dass es in Sinful, Louisiana, so viele Einwohner gab, hätte ich ihn für einen Lügner gehalten. Seit zwei Wochen lebte ich nun in der winzigen Bayou-Stadt, doch im Gemischtwarenladen und in Francines Café waren mir bisher höchstens eine Handvoll Menschen begegnet. Zwar kannte ich eigentlich auch nur einen kleinen Stadtteil mit perfekt gepflegten Häusern und Vorgärten, aber offensichtlich versteckten sich im Sumpf Familien, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung gehabt hatte.

Man konnte im Moment kaum einen Schritt machen, ohne mit jemandem zusammenzustoßen, und für einen introvertierten Menschen wie mich, der daran gewöhnt war, in völliger Stille und allein zu arbeiten, stellte sich das als eine große Herausforderung dar. Ich war mir noch nicht sicher, ob ich wirklich genug Geduld besaß, um diesen Trubel den ganzen Tag mitzumachen; vermutlich nicht.

Gerties Mund bewegte sich, doch das kreischende Mikro erstickte jede Chance auf Verständigung im Keim. Kopfschüttelnd deutete ich auf meine Ohren. Seufzend hielt sie mir einen Karton mit Werbegeschenken hin und deutete auf die Menschenmenge, was vermutlich hieß, dass ich das Zeug an wildfremde Personen verteilen sollte. Als ich auf den Inhalt hinabsah, schossen meine Augenbrauen in die Höhe. In diesem Moment wurde das Mikro abgeschaltet und ich nutzte die momentane Stille, um etwas zu sagen.

„Haltet ihr es für eine gute Idee, den Hustensaft der SLS als Werbegeschenk zu verteilen?“, fragte ich. Die Fläschchen waren zwar nur klein, ungefähr wie die Getränkeflaschen im Flugzeug, aber das Zeug war selbst in kleinen Dosen stark.

Gertie wirkte verwirrt. „Natürlich. Warum denn nicht?“

Offensichtlich war es für Gertie so selbstverständlich, dass jeder wusste, dass sich hinter dem Decknamen „Hustensaft“ der Schwarzgebrannte der Sinful Ladies Society verbarg, dass sie das Ganze nicht länger für ein Problem hielt.

„Und was ist, wenn jemand nicht Bescheid weiß und den Hustensaft seinem Kind verabreicht?“, fragte ich und deutete auf eine Gruppe kreischender Rotzgören, die durch die Menge rannten und mit Wasserpistolen spritzten.

Ein Wasserstrahl traf Gertie mitten auf die Stirn. „Ich kann keinen Nachteil bei der Sache entdecken.“

Ich dachte einen Moment lang darüber nach, aber mir fiel kein Gegenargument ein. Wenn man mich wegen Beihilfe zur Straffälligkeit eines Minderjährigen anklagte, garantierte mir das mindestens eine Nacht im Gefängnis … im sehr stillen, sehr leeren Gefängnis.

Ich begann meinen Marsch durch die Menge und suchte mir die Leute sorgfältig aus, an die ich meinen Hustensaft verteilte. Wenn ein Kind „Mom“ schrie und eine Frau antwortete, bekam sie von mir ein Fläschchen. Sah eine Frau gehetzt und orientierungslos aus, ging ich davon aus, dass sie Kinder hatte, und auch sie bekam eine Flasche. Zwei steckte ich mir selbst in die Tasche. Wenn dieses Fiasko endlich vorüber war, würde ich sie brauchen.

„Wählt Ida Belle zur Bürgermeisterin“, sagte ich, während ich meine Gaben verteilte.

Jede Frau, der ich eine Flasche reichte, gab mir dieselbe Antwort: „Auf jeden Fall.“

Als nur noch eine Flasche übrig war, entsorgte ich den Karton in einem Mülleimer und kletterte auf einen Picknicktisch, um nach Gertie Ausschau zu halten.

„Wie ich sehe, stecken Sie Ihre Nase immer noch in Dinge, die Sie nichts angehen.“

Beim Klang der Stimme hinter mir zuckte ich zusammen, was mich ärgerte. Doch ich erinnerte mich daran, dass ich mich auf einem lauten Festival befand und deshalb nicht allzu streng mit mir sein sollte, weil ich ihn nicht kommen gehört hatte. Ich drehte mich um und sprang vom Tisch, genau vor die Füße von Deputy Carter LeBlanc.

„Das hier ist eine Kleinstadtwahl“, sagte ich. „Wie schlimm kann das schon werden?“

Er verzog das Gesicht. „Wenn Ida Belle dabei ist … Da fragen Sie noch?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ida Belle macht keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil, ich hab den Eindruck, dass sie eine Menge Probleme in dieser Stadt löst, einschließlich ein paar von Ihren.“

Er runzelte die Stirn – da hatte ich einen wunden Punkt berührt. Ida Belle und ihre Gefolgschaft, ich eingeschlossen, hatten in letzter Zeit mehr als einen Kriminalfall aufgeklärt und Carter hatte dafür heftige Kritik einstecken müssen. Weil er deshalb immer noch ein wenig beleidigt und genervt war, konnte ich nicht widerstehen, ein bisschen in der Wunde herumzustochern, wenn sich die Gelegenheit bot.

„Ist Ihnen schon mal in den Sinn gekommen, dass Sie lediglich in Gerties Haus gestrickt oder Ida Belles geliebte Corvette gewachst hätten, wenn Sie sich aus meinen Ermittlungen rausgehalten hätten? Stattdessen hätte nicht viel gefehlt, und Sie hätten alle drei Ihren Wohnsitz dauerhaft auf den Friedhof verlegt.“

„Wollen Sie damit andeuten, dass das alles Ida Belles Schuld war?“

„Ich sage nur, dass man auch Schwierigkeiten findet, wenn man lange genug danach sucht.“

Da hatte er nicht völlig unrecht und ich verstand, dass er sich vermutlich von Ida Belle in den Schatten gestellt fühlte. Ohne unsere Einmischung hätte er wahrscheinlich die Fälle gelöst, und kein Unschuldiger hätte sterben oder ins Gefängnis gehen müssen. Ida Belle und Gertie hatten die Ermittlungen jedoch lieber selbst in die Hand nehmen wollen, um kein Risiko einzugehen, und leider Gottes hatte ich zugelassen, dass sie mich in ihre Eskapaden mit hineinzogen.

„Ich hätte mir denken können, dass ich dich dabei erwische, wie du die heißeste Frau der Stadt anbaggerst.“

Ich drehte mich zu der Stimme um und sah einen attraktiven, muskulösen Mann über die Straße auf uns zukommen. Er musterte mich von oben bis unten.

Mitte dreißig, ein Meter zweiundneunzig, einundneunzig Kilo, das meiste davon Muskelmasse. Sieht aus, als würde er aus seinen Kämpfen häufig als Sieger hervorgehen. Mittlere Gefahrenkategorie.

Der Mann baute sich unmittelbar vor Carter auf und grinste, als hätte er gerade den weltbesten Witz gehört. Carter wirkte nicht ganz so enthusiastisch. Ich spürte regelrecht, wie die Testosteronwerte um einhundert Prozent in die Höhe schossen.

„Wie geht es dir, Bobby?“, fragte Carter und streckte die Hand aus.

Bobby schüttelte sie und deutete mit dem Kopf auf mich. „Offensichtlich nicht halb so gut wie dir.“

Carter seufzte. „Ich bin im Dienst. Meine Unterhaltung mit Miss Morrow drehte sich um eine Polizeiangelegenheit.“

Bobby sah zu mir herüber und zog die Brauen hoch. „Willst du sie etwa verhaften? Weswegen denn? Kriminell gutem Aussehen?“

Angesichts der Tatsache, dass mein „kriminell gutes“ Aussehen aus Shorts, einem ärmellosen Top, Turnschuhen, Lippenbalsam und einer Pferdeschwanzfrisur bestand, war ich von Bobbys Aufrichtigkeit nicht völlig überzeugt. Doch obwohl ich seinen plumpen Anmachversuch als eher lächerlich empfand, war Carters offensichtliches Missfallen zu gut, um ihn nicht auszunutzen.

„Sehen Sie?“, wandte ich mich an Carter. „Endlich weiß jemand zu schätzen, was ich dieser Stadt zu bieten habe.“

„Darling“, schnurrte Bobby. „Wenn Sie sich mal wieder nicht richtig geschätzt fühlen, dann rufen Sie mich an. Ich zeige Carters Freundinnen gern, was sie verpassen. Bobby Morel. Jeder kann Ihnen sagen, wo Sie mich finden.“ Er zwinkerte mir zu und ging, wobei er Carter über die Schulter hinweg zuwinkte.

Ich sah ihm nach und drehte mich dann lächelnd zu Carter um. „Vermutlich wollen Sie mir jetzt weismachen, dass Bobby auch nur Schwierigkeiten bedeutet?“

Carter riss den Blick von Bobbys Rücken los. „Nein, das kann man so nicht sagen. Ich meine, er kann sehr hitzköpfig sein und ich glaube nicht, dass er nach der Schule jemals wieder ein Buch in die Hand genommen hat, aber er ist kein schlechter Kerl. Bis letzte Woche war er bei einer Spezialeinheit der Army. Seine Mom hat mir schon erzählt, dass er nach seiner Entlassung herkommen wollte.“

Spezialeinheit? Ich setzte seine Gefahrenkategorie eine Stufe hinauf.

„Für Ex-Soldaten wie Sie beide kann es in Sinful doch nicht besonders viele Jobs geben“, sagte ich. „Es sei denn, Sie glauben, er ist hinter Ihrem Posten her.“

Carter lachte. „Auf keinen Fall. Schon in der Schule hat Bobby die Tage gezählt, bis er dieser Stadt den Rücken kehren konnte. Vermutlich wird er nur so lange hierbleiben, bis er sich darüber klar geworden ist, was er tun will, und dann in eine Stadt verschwinden, wo mehr los ist. Er hat immer behauptet, in Sinful passiert nie etwas.“

„Dann hätte er mal während der letzten Wochen hier sein sollen.“

„Hmmm.“ Carter wirkte einen Moment lang nachdenklich, konzentrierte sich dann jedoch wieder auf mich. „Wenn man den Mädchen damals auf der Highschool glauben darf, dann weiß er, wie man mit Frauen umgeht. An Ihrer Stelle würde ich mich jedoch nicht allzu sehr an ihn hängen. Ich gehe stark davon aus, dass er nur auf der Durchreise ist.“

„Sehe ich wie ein ‚Mädchen‘ aus, das sich an jemanden hängt?“

„Nein. Was Sie nur noch faszinierender macht.“ Er grinste mich an und ging auf die andere Straßenseite, wo ein paar Kinder einen Laternenmast hochkletterten.

Ich spürte, wie ich rot wurde, und ging rasch in die entgegengesetzte Richtung davon. Zum Glück hatte Carter meine mädchenhafte Reaktion nicht mehr mitbekommen. Das hätte er mir ewig unter die Nase gerieben.

Obwohl ich es nur äußerst ungern zugab, besaß Carter LeBlanc trotz seiner nervigen Forderung nach Einhaltung der Gesetze etwas, das mich anzog. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Natürlich war ich auch kein Mauerblümchen, das zwangsläufig zu einer menschenscheuen alten Frau mit Dutzenden von Katzen werden würde, aber eine ernsthafte Beziehung hatte ich bisher nicht gehabt. Und ganz bestimmt war ich noch keinem Mann begegnet, der mich erröten ließ.

Dass er das schaffte, gefiel mir gar nicht.

Noch verstörender war, dass Carter meiner Meinung nach ganz genau wusste, welche Wirkung er auf mich hatte, und es genoss, in dem Riss in meiner Rüstung herumzubohren.

„Willst du dort stehen bleiben und Löcher in die Luft starren oder dir meinen Vortrag anhören?“, ertönte Ida Belles Stimme direkt neben mir.

Ich unterdrückte einen Seufzer, weil es schon wieder jemand geschafft hatte, sich an mich anzuschleichen, noch dazu am helllichten Tag. Falls ich es jemals aus Louisiana heraus und zurück zur CIA schaffen sollte, würde eine ganze Menge Training erforderlich sein, bevor ich wieder auf eine Mission gehen konnte.


Textauszug mit freundlicher Genehmigung der Autorin

© Jana DeLeon