Leseprobe Emily Bold – Im Urlaub mit Mr. Grey

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Gegenwartsliebesroman
EMILY BOLD
Im Urlaub mit Mr. Grey
Self-Published
TB, €4,99/ E-Book, € 1,99
Juni 2016
www.emilybold.de

 

 


 

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie gerädert. Was für eine Nacht! Jeder Knochen tat mir weh – aber es war ein angenehm befriedigender Schmerz – aus Leidenschaft geboren. Und das ganz ohne Pfannenwender. Dafür mit Zeltschnüren – eine vollkommen neue Erfahrung!

Ich schlürfte an meinem Kaffee und sah gedankenverloren aus dem Fenster. In der Nacht hatte Marc mir also die Vorzüge des Campings nahegebracht, aber jetzt, so bei Tageslicht, fragte ich mich doch, wie mir in all der gemeinsamen Zeit hatte entgehen können, dass er ein verkappter Camper war? Ein Luftmatratzensurfer! Ein Naturbursche!

Ließ er sich etwa deshalb gerade einen Bart stehen? Sprang er womöglich auf diesen Trend auf, bei dem Männer sich in Holzfällerhemden warfen, Haare und Bart wachsen ließen, aber bei einem Splitter im Finger in Ohnmacht fielen? Hatte er vielleicht zu oft diese Survival-Sendungen im Fernsehen gesehen, in denen ehemalige Elitesoldaten Kamelkadaver ausweideten, um darin Zuflucht vor einem Sandsturm zu suchen? In denen der Überlebensexperte sich zum Frühstück einen Knödel aus eiweißhaltigen und leicht nussig schmeckenden Grashüpfern presste und diesen dann mit einem herzhaften Schluck Eigenurin hinunterspülte?

Mich schauderte bei der Vorstellung, Marc so eine Entwicklung nehmen zu sehen. Aber eigentlich war er doch viel zu bodenständig, um einem Modetrend hinterherzurennen. Und ob ihm wirklich Grashüpfer schmeckten???

Hoffentlich hatte meine Selbstfindung nicht auch noch auf ihn abgefärbt, denn ich mochte ihn so, wie er war – abgesehen von seinen Machosprüchen. Und seinen Socken, die er immer auf der Couch liegen ließ. Auf seine Spottbraue hätte ich auch verzichten können, aber der Rest … ja, der Rest von ihm war echt passabel.

Pussy sprang aufs Fensterbrett und verstellte mir die Aussicht. Sie rollte sich zusammen und schloss die Augen. Sie ignorierte mich beleidigt. Vermutlich hatte ihr unsere ausschweifende Liebesnacht nicht so gut gefallen.

Doch ich sollte mich von der Katze nicht von meinem eigentlichen Problem ablenken lassen. Und das war Marc!

Musste ich mir also Sorgen um ihn machen? Durchlebte er etwa eine Identitätskrise? Ich würde ihn auf jeden Fall im Auge behalten. Solange er keine Videos postete, in denen er sich in lasziver Pose die Haare zu einem Dutt knotete, sah ich die Sache noch relativ entspannt. Ich musste mich nur wohl oder übel mit dem Gedanken anfreunden, auf Sex im Flugzeug zu verzichten, denn Marc wollte mit dem Auto nach Jesolo fahren. Klar! So viel Campingzubehör, wie er im Wohnzimmer verteilt hatte, würde ja auch kaum als Handgepäck durchgehen. Noch dazu bezweifelte ich, dass er mit der Gasflasche durch den Check-in kommen würde.

Allerdings fand ich die Vorstellung, diese Flasche sechshundert Kilometer auf dem Autorücksitz durch halb Europa zu kutschieren, auch nicht gerade prickelnd.

Und überhaupt: wenn schon Camping, warum dann in einem Zelt? Ich hatte vor Längerem im Fernseher einen Beitrag über Superluxuswohnmobile gesehen. Das wäre bestimmt eher mein Fall. Mit ausziehbaren Seitenteilen, in denen sich ein Jacuzzi versteckte, und einem Sportwagen in der Heckklappe. Oder Glamping! Diese ungewöhnliche, aber durchaus reizvolle Mischung aus Camping und Glamour. Das passte doch viel eher zu mir. Schließlich war ich eine Frau mit Stil!

Doch was tat ich nicht alles für die Liebe? Offenbar machte Marc in seinem Job gerade eine schwere Phase durch, denn auch heute war er wieder ins Büro gefahren, obwohl er sonst, wann immer er konnte, zu Hause arbeitete. Ich wusste dank meiner Fotzen-Harald-Krise ganz genau, wie er sich fühlen musste. Marie lag so was von falsch! Ich verfügte über eine Riesenportion Einfühlungsvermögen. Und Verständnis. Darum würde ich ihn auch bei seinem nostalgischen Campingtrip unterstützen. Ich würde meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse hinten anstellen und aus reiner Nächstenliebe Sex in der Wildnis haben. So wild, wie so ein Campingplatz war …

Abu Dhabi konnte warten. Und die Bilder von der Dominikanischen Republik für meinen neuen Chef würde ich mir wohl oder übel aus dem Internet herunterladen müssen.

Ich kicherte und leerte meine Kaffeetasse. Vielleicht fanden sich ja auch auf Kim Kardashians Instagram-Seite Bilder eines Luxusurlaubs. Ich müsste dann nur ihren Hintern mit Marcs Bildbearbeitungsprogramm aufhellen und fertig wären die Urlaubsschnappschüsse.

Ich gratulierte mir zu meiner Genialität und beschloss, mich zu belohnen. Schließlich wollte ich in den Urlaub – und dabei noch gut aussehen.

Ich wusste genau, wo in München mir da geholfen werden könnte: im Golden Sun-Bräunungsstudio. Leider war der Schuppen wahnsinnig teuer und ich ziemlich pleite – deshalb hatte ich mir schon vor einer Woche vorsorglich eine deutlich günstigere Bräunungscreme für den Heimgebrauch gekauft. So schwer konnte das ja nicht sein! Und Marc würde es bestimmt obersexy finden, wenn ich in meinem Bikini nicht so weiß wie ein Milchbrötchen daherkäme. Entschlossen, zu einer sexy Badenixe zu werden, räumte ich meine Tasse in die Spülmaschine und ging ins Bad. Ich würde meinen käsigen Teint in rassiges Goldbraun verwandeln. Der Look würde phänomenal sein – so, wie bei den Bikini-Models auf der Sports Illustrated.

Mit dieser fantastischen Bräune aus der Tube und meinen langen blonden Haaren würde ich am Strand aussehen wie Pamela Anderson in Baywatch – nur brauchte ich keine Boje, denn ich hatte meinen Rettungsring um die Hüfte ja immer dabei.

Ich streckte meinem leicht übergewichtigen Spiegelbild die Zunge heraus und zog mich aus. Ich hob die Arme und wackelte am Oberarmspeck. Das Ergebnis war unbefriedigend und leider nicht Sports-Illustrated-tauglich. Eine Fettabsaugung hätte Abhilfe schaffen können. Oder Sport. Doch beides würde so spontan keine Besserung herbeiführen, also musste ich das Beste ohne diese Maßnahmen daraus machen. Wenn der labbrige Oberarm wenigstens nicht an Allgäuer Weichkäse erinnerte, sondern eher an einen golden glasierten Pfannkuchen, dann sähe die Sache gleich viel freundlicher aus. Ich schnappte mir also die Schachtel mit der Creme und fummelte den Beipackzettel heraus.

Rasieren, Haut peelen, trockene Hautstellen mit Fettcreme vorbehandeln, Bräunungscreme gleichmäßig auftragen und mindestens dreißig Minuten trocknen lassen, nicht im Gesicht anwenden …

Mist! Das klang ja regelrecht nach Arbeit. Und dabei wollte ich doch noch los und mir einen Bikini kaufen.

Ich warf einen Blick durch die halb geöffnete Tür ins Wohnzimmer, wo die Uhr am Radio blinkte. Mir blieb noch Zeit – nur nicht genug. Aber sicher ging es auch, wenn ich einzelne Schritte auslassen würde. Schließlich hatte ich ebenmäßige Haut. Was konnte da schon schiefgehen? Diese Hinweise mussten natürlich so ausführlich sein. Es gab ja Leute mit ganz anderen Ausgangsbedingungen. Mit Falten – oder was weiß ich für Zeug. Nicht, dass nachher noch jemand den Hersteller verklagen wollte. Die gingen vom Worst Case aus. Vom hautmäßigen Super-GAU. Und ich hatte auch überhaupt nicht vor, den Hersteller zu verklagen.

Ich öffnete die Tube und fing an, meine Waden einzucremen. Der Duft war angenehm und erinnerte mich sogar an Urlaub. Sehr zufrieden mit der einfachen Handhabung cremte ich eifrig weiter. Die Tube leerte sich schnell, und nachdem ich meine erste Pobacke bis hin zur Tanga-Toleranz-Zone eingerieben hatte, fragte ich mich, wie das bisschen Creme für den Rest meines Körpers reichen sollte.

Ich musste unbedingt etwas sparsamer damit umgehen! Deshalb setzte ich mich auf den Rand der Badewanne und presste die Beine aneinander, um dem linken Bein etwas von der Bräune des rechten abzugeben. Hektisch wischte ich die noch nicht eingezogenen Cremereste vom rechten Bein zusammen und schmierte sie aufs linke. Das funktionierte ganz gut – abgesehen von den leichten Streifen, die sich nun auf dem ersten Bein andeuteten. Aber das war halb so wild – ich würde am Ende einfach überall noch mal sanft drübercremen. Jetzt galt es erst mal, eine Ganzkörpergrundbräune herzustellen. Erleichtert, mir einen guten Plan zurechtgelegt zu haben, strich ich mir die Haare aus dem Gesicht.

Shit! Ich sprang auf und sah in den Spiegel. Ahhh!

Ein brauner Streifen zog sich quer über meine Wange. Ich hastete zum Waschbecken, riss das Handtuch von der Stange und rieb darüber. Na toll! Nun hatte ich den Selbstbräuner auch am Kinn und an der Augenbraue.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“, rief ich und versuchte, mit Wasser und Seife zu retten, was zu retten war. „Das ist halb so schlimm!“, wollte ich mich selbst beruhigen. Die Haut erneuerte sich doch alle paar Wochen …

Als sich die Badezimmertür öffnete, zuckte ich zusammen. Erleichtert stellte ich fest, dass nicht Marc seinen Kopf hereinstreckte, sondern Pussy. Vermutlich hatte mein Geschrei ihren Schlaf gestört. Aber das konnte ich jetzt auch nicht ändern, egal, wie mitleidig sie mich gerade anblinzelte.

„Ich hab echt ganz andere Sorgen!“, erklärte ich ihr ernst und rubbelte noch immer fest über meine Wange. Die oberste Hautschicht wurde wahrscheinlich deutlich überbewertet.

Offenbar weckte das ihr Mitleid, denn sie folgte jeder meiner Bewegungen mit einem für sie ungewohnt sanften Blick.

„Liebes Kätzchen!“, lobte ich die Killerkatze zur Abwechslung einmal und genoss den Moment der Verbundenheit – schließlich kam das nicht oft vor. Ich legte das Handtuch beiseite und musterte frustriert im Spiegel meine rot gescheuerte Wange. Der bescheuerte Bräunungsstreifen hatte sich regelrecht eingebrannt.

Mir blieb also nur eine Wahl: das ganze Gesicht zu tönen.

Zwar hämmerte mir der Warnhinweis von der Packungsbeilage „nicht im Gesicht anwenden“ im Hinterkopf, aber wer immer das geschrieben hatte, war bestimmt nicht in meiner Lage gewesen.

Dennoch begann ich nur zögernd, die Bräunungscreme mit der Fingerspitze im Gesicht zu verteilen. Sollte ich die Augen aussparen? Doch wie sähe das dann aus? Ließe sich das mit einer Sonnenbrille kaschieren? Wohl eher nicht. Und ich wollte ja auch nicht aussehen wie ein Waschbär! Darum bis ich die Zähne zusammen und cremte entschlossen weiter.

Mit nur halb geöffneten Augen tastete ich nach der Tube, die meinen glitschigen Fingern entglitt und auf den Boden fiel. Ich bückte mich, was Pussy wohl annehmen ließ, ich wollte sie streicheln. Sie sprang auf und schmiegte sich an meine Beine.

„Nicht!“, rief ich und machte einen Satz zurück. Dabei trat ich auf die Tube und stürzte rückwärts in die Badewanne, während Pussy vor Schreck maunzend das Weite suchte. Natürlich erst, nachdem sie einmal quer durch die am Boden verspritzte Bräunungscreme getappt war.

AUTSCH!

„Pussy!“, schrie ich, um sie aufzuhalten, und kämpfte mich stöhnend auf. Ich hatte Mühe, mich aus der Wanne zu befreien, denn ihr Rand war total braun und rutschig. Nun wies auch meine zweite Pobacke beige Flecken auf, und meine Hände sahen aus, als hätte ich orangefarbene Handschuhe an. Ich hätte heulen können, als ich Pussy derart verunstaltet und mit geprelltem Hintern ins Wohnzimmer folgte. Braune Pfotenabdrücke zogen sich über die Couch und den Teppich, und es war unschwer zu erkennen, dass Pussy auf ihrer Flucht über den Tisch gerannt und am Schrank hinaufgesprungen war.

Was für ein Chaos!

Frustriert humpelte ich ins Bad zurück, schloss die Tür diesmal richtig und machte mich daran, die Creme von den Fliesen zu wischen, um damit den Rest meines zweiten Beines zumindest anzubräunen.

Ich sah aus wie orangebraunes Fleckvieh! Wie Pocahontas mit Kriegsbemalung. Es war eine Katastrophe! Und eines stand fest! Ich würde auf jeden Fall den Hersteller verklagen!! Da mir das aber nur indirekt helfen würde, schlüpfte ich in meine Klamotten, kratzte mein letztes Bargeld zusammen und fuhr in die Stadt. Ins Golden Sun-Bräunungsstudio. Irgendjemand mit Fachkenntnis musste dieses Debakel ausbügeln!


Textauszug mit freundlicher Genehmigung der Autorin

© Emily Bold