Leseprobe Åsa Böker – Im Glanz der Welten


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Jugendbuch/ Fantasy-Liebesroman
ÅSA BÖKER
Im Glanz der Welten
Nordland
Valkyren Verlag
TB, €10,99/ E-Book, €4,99
Mai 2016
Keine Webseite vorhanden

 

 


Zehn Jahre zuvor

Die beiden reden über sie, da ist Silke sich sicher. So leise wie sie kann, schleicht sie sich mit ihrem Teddy unter dem Arm aus dem Bett. Sie stellt sich vor die Wohnzimmertür, damit sie besser hören kann. Mama und Papa sitzen mit dem Rücken zu ihr auf dem Sofa. Eine Diele knarrt unter ihren Füßen, aber die Eltern reden weiter, sie haben nicht bemerkt, dass sie wach ist.

»Ich finde das nicht normal«, wiederholt Papa. Er hat Mamas Schal, den selbstgehäkelten mit den Rosen, um die Schultern geschlagen. Papa sieht aus, als würde er immer noch frieren, obwohl das Holz im offenen Kamin brennt.

»Aber Jan, sie ist erst fünf Jahre alt, und es ist in diesem Alter nicht ungewöhnlich, Fantasiefreunde zu haben«, protestiert Mama.

»Vielleicht. Aber nicht auf diese Weise. Ist es nicht sonderbar, dass ihre sogenannte Freundin genauso aussieht wie sie selbst und nur mit ihrer Mama zusammenlebt?«

»Nicht ihrer Mama, sie wohnt nur mit ihrer Mutter zusammen!« Mama nippt an ihrer Teetasse. »Ich finde, du übertreibst mal wieder mit deinen Psychoanalysen.«

»Vielleicht wären wir besser nach Mallorca geflogen, statt dieses einsame Häuschen zu mieten. Es würde ihr guttun, mit wirklichen Freunden in ihrem Alter zu spielen.« Papa wirkt verärgert.

»Wir haben gesagt, dass wir deinetwegen nichts Anstrengendes unternehmen wollen. Vielleicht nach deiner letzten Chemo …«

Silke hält den Atem an. Schon wieder sprechen die über Papas Krankheit, ihr Magen zieht sich vor Unruhe zusammen.

»Ingrid, du weißt ganz genau, was die Ärzte sagen.«

Sie schauen sich an, sagen aber nichts. Papa ergreift nach einer Weile wieder das Wort.

»Wenn ich nächsten Sommer wieder gesund sein sollte, kaufen wir ihr ein Pony.«

Der Gedanke an ein eigenes Pferd macht Silke hellhörig, und sie geht noch ein paar Schritte heran, um nur ja kein Wort zu verpassen.

»Natürlich wirst du bis dahin gesund sein«, antwortet Mama und hört sich fast ärgerlich an. Sie spricht in einem sanfteren Ton weiter: »Rate mal, was sie heute sagte, als ich sie fragte, ob sie nicht ihre Fantasiefreundin zu uns einladen möchte?«

Papa stöhnt. »Ich finde, du solltest sie darin nicht auch noch bestärken.«

»Ach, sei doch froh, dass deine Tochter so eine lebhafte Fantasie hat.«

Mama streichelt Papa über den fast kahlen Kopf.

»Sie sagt, Ylva darf nicht so weit von ihrer Mama, äh, Mutter weggehen. Außerdem gibt es da, wo sie wohnen, Trolle

»Sie heißt nicht Ylva!« Jetzt kann Silke es nicht lassen, ihnen zu widersprechen.

Beide Eltern drehen sich zu ihr um.

»Sie heißt Yrsa, habe ich doch gesagt!« Silke stampft mit dem Fuß auf, um das zu unterstreichen.

»Aber meine kleine Elfe, ich dachte du schläfst.« Mama erhebt sich vom Sofa, und nimmt sie auf den Arm.

»Yrsa heißt sie!« Sie dreht Mamas Haare mit dem Zeigefinger zu einer Locke.

»Sicher, aber jetzt sollst du schlafen. Morgen ist ein neuer Tag, an dem ihr zusammen weitere Abenteuer erleben könnt.« Ihre Mutter trägt sie zurück ins Bett.

»Yrsa hat versprochen, mir zu zeigen, wo ein paar Wolfur ihre Höhle haben. Die haben vier Welpen«, flüstert Silke. So leise, dass es Papa nicht hören kann.

»Wolfur, ja?« Sie deckt Silke mit der blumigen Decke zu. »Das hört sich fast wie Wölfe an. Du versprichst mir aber, vorsichtig zu sein?«

»Mhm … nichts ist gefährlich, solange man weiß, was man tut, sagt Yrsa. Aber vor Trollen und Draugar sollte man sich hüten.«

Mama zieht die Augenbrauen hoch und streicht ihr eine Haarlocke aus der Stirn.

»Draugar? Das klingt nach ein paar sehr gemeinen Wesen.« Sie setzt sich auf das Bett, und legt ihre Hände in Silkes. »Wie hast du eigentlich diese Yrsa getroffen?«

»Ich muss zu dem großen Stein gehen. Dann habe ich geblinzelt und Yrsa war da, und wenn ich nach Hause gehen möchte, muss ich nur noch mal blinzeln.«

Silke dreht sich um und schläft ein.

 

 

Es sollte zehn Jahre dauern, bis sie Yrsa wiedersehen würde.

 

 

MITTSOMMER

Silke

 

Der Busfahrer lässt sie an einer Kreuzung aussteigen. Hier steht nur eine Reihe von Briefkästen nebeneinander, angemalt wie bunte Ostereier. Sofort, nachdem der Bus weggefahren ist, atmet ihre Mutter Ingrid tief ein und schlägt die Hände zu einem Sonnengruß über den Kopf, bevor sie die Reisetaschen in die Hand nimmt.

Ein handbemaltes Schild mit dem Wort ›Lichtfest‹ und ein Pfeil zeigen den Weg zum Hügel hinauf.

Mama strahlt. »Dieser Ort hier war schon für die Wikinger heilig. Schau dir nur diese alte Eiche an. Die stand bestimmt damals auch schon da.«

Silke nickt, die Eiche auf dem Hügel ist wirklich gewaltig, aber die kann sie dennoch nicht derart in Hochstimmung versetzen, dass sie den Baum umarmen möchte.

Mama springt mit ein paar Tanzschritten nach vorne, sodass ihre orange gefärbten Haare und ihr ebenso orange gefärbtes Kleid sich in der Luft drehen. Gut, dass sie niemand sehen kann.

Mit ihrem Gepäck wandern sie Richtung Gutshof, in dem das Lichtfest stattfindet. Sie erhalten den Schlüssel zum Zimmer und das Programmheft für das Wochenende. Zu ihrer Enttäuschung wohnen sie nicht im alten Gutshof, sondern in dem hässlichen langgestreckten neuen Gebäude.

 

»Ich habe das grüne Kleid für dich eingepackt«, sagt ihre Mama und holt es hervor. »Es ist ja Mittsommer. Zieh das an.«

Silke zieht ihre bequemen Reiseklamotten aus und streift sich das lange Kleid über den Kopf. Sie hat das dunkelgrüne, samtähnliche Ding mit den Trompetenärmeln zum Abschlussball in der neunten Klasse getragen. Am Saum sind Goldkanten angenäht. Ingrid umarmt sie stolz, als sie sich gemeinsam im Spiegel betrachten. Es ist ein perfektes Kleid, um auf einen mittelalterlichen Ball zu gehen. Es fehlt nur der passende Spitzhut dazu – aber für den Schulball im Frühling ist diese Robe schlichtweg falsch.

»Es ist wirklich sehr hübsch«, sagt sie und gibt Mama einen Kuss auf die Wange. Sie weiß, dass Ingrid mehrere Nächte auf war, um dieses aufwendige Kleid für sie zu nähen.

Sie löst ihren Zopf auf und lässt die Locken über die Schultern hängen.

»Schau mal, jetzt passe ich noch besser hierher«, und kann es nicht sein lassen, ironisch zu klingen, obwohl sie weiß, dass sie damit ihre Mama verletzt. Ingrid würde es sowieso nicht verstehen, dass Silke eigentlich nur wie alle anderen aussehen möchte. Einen eigenen Stil zu haben, ist nicht das, was den anderen in der Klasse imponiert. Zumindest nicht Ben. Er hat sie auf dem Schulball keines Blickes gewürdigt, sondern nur mit Amanda getanzt.

»Leider sind die Baummediation und die Geisterwanderung mit dem Schamanen beide heute Abend um acht.« Ingrid hält das Programmheft hoch.

»Wie schade«, sagt Silke und rollt mit den Augen. Aber Mama hat bereits ihren Blick auf etwas anderes gerichtet.

»Schau mal, Sture ist hier mit seinen Kristallen. Ein neuer Kristall ist genau das, was ich für dieses Lichtfest brauche.«

Ein paar Tische sind auf der Gutshofterrasse aufgestellt. Die meisten sind mit Büchern beladen. Auf einem Tisch, der mit einem schwarzen Samttuch bedeckt ist, stehen mehrere Schalen mit bunten Steinen.

Mama begrüßt Sture überschwänglich mit fröhlichen Wangenküssen, als wären sie uralte Freunde. Er fängt sofort an, seine Steine vor ihnen auszubreiten.

Ihre Mutter darf sich ihm gegenüber auf einen kleinen Hocker setzen und lässt einen milchgrünen Stein an einer Kette über ihre Hand pendeln. Silke hat keine Lust zuzuhören. Wenn ihre Mama diesen sonderbaren Ausdruck auf ihrem Gesicht hat, möchte sie am liebsten im Boden versinken.

Übrigens, die Steine sehen aus, als ob sie direkt aus dem Kaugummiautomaten kommen.

Da Mama beschäftigt ist, lässt Silke den Blick über den Park gleiten – angelegte Pfade aus weißem Kies und vereinzelte Statuen von kleinen, dicken Engeln und Frauen ohne Arme. Auf der riesigen Grasfläche stehen verschiedene Gruppen von Festivalteilnehmern. Die Männer tragen wilde Bärte und Röcke, die Frauen schweifende Kleider und viel zu viele Ketten um den Hals.

Sie wäre diejenige gewesen, die mit ihren Reisekleidern fehlplatziert ausgesehen hätte. Außerdem ist sie die Jüngste, niemand sonst hat seine Kinder mitgebracht.

Da Ingrid immer noch dabei ist, einen Kristall auszuwählen, stöbert Silke in den Büchern, die am Stand nebenan ausgebreitet sind. Viele Bücher handeln von Tarot, chinesischem Horoskop und Heilpflanzen. Die Titel Meine Katze kann doch reden und Gespräche mit Engeln sind fast witzig.

Ihre Mutter entscheidet sich schließlich für einen durchsichtigen Quarzkristall, der ihr angeblich mehr Energie geben soll.

Sture nimmt einen kleinen blauen Stein aus einer der Schalen und zeigt ihn Silke.

»Der ist für dich. Ich möchte nicht, dass Ingrids Tochter ohne Kristall bleibt.«

»Danke, aber ich brauche echt keinen.«

Sie hat keine Lust, auf dem blöden Hocker zu sitzen, um die Steine auszuprobieren.

»Gratisprobe.« Sture lächelt so breit, dass man seinen gelben Zahnstumpen ganz hinten im Rachen sehen kann, während er den Stein an einem Lederriemen mit Verschluss befestigt. »Häng ihn um deinen Hals und er wird dein inneres Auge stärken.«

Er drückt den Stein in ihre Hand. Egal wie heilbringend Stures Kristalle sein mögen, gegen seine schlechten Zähne hatten sie wohl keine Wirkung.

Mama lächelt glücklich, sodass Silke keine andere Wahl bleibt, als sich bei Sture zu bedanken. Der Stein ist eigentlich ganz süß, geformt wie ein Wassertropfen und tiefblau. Sie hängt die Kette um den Hals, damit sie endlich weitergehen können.

 

Es ist bereits Abend. Die Mittsommernachtssonne lässt die Fenster vom Gutshof in Flammen stehen.

An einem kleinen Lagerfeuer fängt eine Frau an, auf einem Tamburin zu schlagen und mystische Geräusche von sich zu geben. Eigentlich sieht sie ganz normal aus, wäre sie nicht in ein Indianerkostüm gekleidet. Ihre Mutter schließt sich dem Kreis an, und murmelt mit ausdruckslosem Gesicht mit. Es ist total lächerlich, wie ernst sie das nehmen.

Der süße Geruch von verbrannten Kräutern ist widerlich. So hat Silke sich nicht vorgestellt, Mittsommer zu feiern. Sie schlurft davon. Mama merkt gar nicht, dass Silke geht.

Sie schlendert zum See und entdeckt eine Gruppe, die nackt am Badehaus schwimmt. Schnell dreht Silke sich um und folgt der Allee auf die Landzunge hinaus.

Dort steht ein kleines Schild, auf dem mit verschnörkelten Buchstaben zu lesen ist: ›Zum Ende der Welt‹.

Genau der Platz, wo sie jetzt hingehört.

 


Textauszug mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags

© Åsa Böker