Kurz nachgehakt bei Sandra Schwab zur Antike als Liebesromanschauplatz

In unserer Rubrik „Kurz nachgehakt“ stellen wir Autoren jeweils drei Fragen zu einem Thema, das für sie gerade aktuell ist. Heute erzählt uns Sandra Schwab etwas über ihr Faible für die Römerzeit und die Antike als Schauplatz ihrer Serie Eagle’s Honor.

Cover - Schwab, Sandra - Eagle's Honor - RavishedGerade ist mit Ravished der zweite Band Ihrer historischen Liebesromanserie „Eagle’s Honor“ erschienen, die in der Römerzeit spielt. Was fasziniert Sie so an dieser Epoche?
Die Römerzeit hat mich schon als kleines Kind fasziniert: der erste historische Roman, den ich mit etwa acht Jahren las, war Henry Winterfelds „Caius, der Lausbub aus dem alten Rom“, und darauf folgten dann die Romane von Rosemary Sutcliff, die es wie keine andere verstand, das römische Britannien zum Leben zu erwecken. Nachdem ich im Sommer 2014 von Menschen auf Twitter dazu überredet wurde, einen historischen Liebesroman zu schreiben, der in der Römerzeit spielt, habe ich dann die Römerzeit für mich neu entdeckt.
Besonders spannend finde ich die Tatsache, dass es heute noch immer wieder neue Erkenntnisse über die römische Antike gibt: So haben Ausgrabungen von Abwasserkanälen in Herculaneum Überraschendes über die Ernährung der römischen Bevölkerung ergeben – die deutlich besser war als angenommen –, und der sensationelle Zufallsfund einer römischen Hufsandale am Harzhorn in Niedersachsen führte zur Entdeckung eines Schlachtfelds aus den 230er Jahren und zur Erkenntnis, dass die römische Armee nach der vernichtenden Varusschlacht sehr wohl noch tief ins freie Germanien eindrang.
Und dann ist da natürlich noch die Faszination des römischen Imperiums selbst: die Art und Weise, wie die Römer es schafften, so viele Landstriche und so viele verschiedene Völker in ihr Weltreich einzugliedern; die Art und Weise, wie das Imperium funktionierte – man denke nur einmal an die vielen tausend Amphoren von Olivenöl, die von Spanien aus in den Rest des Weltreiches verschifft wurden! Und wenn man den Blick vom großen Ganzen zum Kleinen wendet, dann kommt man den Menschen in der Antike plötzlich ganz nah: Da gibt es beispielsweise die Fingerabdrücke auf der Rückseite von römischem Geschirr, die uns davon erzählen, dass der Großhersteller von Terra Sigilata sein Team mitnahm, als er seinen Firmensitz von Italien nach Südfrankreich verlegte. Oder dann ist da die seltsame Vorliebe der Römer für Phallussymbole: Während Helden in der römischen Skulptur immer recht dürftig ausgestattet sind, hängte man sich beispielsweise gerne einen geflügelten Bronzephallus mit Glöckchen als Glückssymbol in den Garten.

Schwab, Sandra - Rechercheliteratur zur RömerzeitWas gehörte alles zu Ihrer Recherche dazu? Und wie lange hat sie gedauert?
Der größte Teil der Recherche fand während des Schreibens statt. Ich habe mir zum einen unheimlich viel Sekundärliteratur zum Thema gekauft – Karl-Wilhelm Weebers „Alltag im Alten Rom: Das Leben in der Stadt“ ist fantastisch, genauso wie die recht dünnen, aber mit Informationen vollgepfropften Hefte von Osprey Publishing. Zum anderen habe ich mir jede Menge Dokumentationen angeschaut – besonders spannend fand ich Mary Beards Doku über Pompei und Andrew Wallace-Hadrills über Herculaneum. Und natürlich die absolut großartige Archäologieserie „Time Team“, die rund zwanzig Jahre lang im britischen Fernsehen lief. Pro Folge hatte ein Team von Archäologen und Historikern drei Tage lang Zeit, eine potentiell archäologisch interessante Stätte auszugraben. Das war häufig auch mal ein Garten hinter einem Haus, wenn etwa die Hausbesitzer beim Anlegen eines Teiches über ein angelsächsisches Skelett gestolpert waren.
Meine Recherche war teilweise auch sehr handfest: Bevor ich mich im Sommer 2014 entschied, das Projekt „römischer Liebesroman“ tatsächlich anzupacken, fuhr ich zur Saalburg, einem rekonstruierten römischen Kohortenkastell am Limes. Das Kastell liegt nicht weit von meinem Wohnort Frankfurt entfernt. Auch wenn die Saalburg heute zum größten Teil aus einer parkähnlichen Anlage besteht, ist es doch sehr leicht, sich in die Römerzeit zurückzuversetzen, wenn man zwischen den rekonstruierten Holzbarracken der einfachen Soldaten zur principia, der Kommandantur, läuft.
In der Saalburg habe ich außerdem in diesem Frühjahr an einem römischen Kochkurs teilgenommen, was sehr aufschlussreich war. Wenn man so weit in der Geschichte zurückgeht, verfällt man ja doch sehr leicht der Annahme, dass die Menschen komische Sachen gegessen haben. Durch diverse Hollywooddarstellungen der Antike wird so etwas natürlich noch begünstigt: Da gab es fabelhafte Bankette mit Pfauenzungen und gebratenem Siebenschläfer, und im Laufe des Mahles steckte man sich eine Pfauenfeder in den Rachen, um sich zu übergeben und dann weiterzuessen. Lecker.
Die Superreichen der Antike mögen ja vielleicht tatsächlich solche verschwenderischen Bankette gegeben und mit Afrikanischen Riesenschnecken gefüllte Saueuter verzehrt haben, aber der römische Normalbürger hat in seinem ganzen Leben wohl eher keine einzige Pfauenzunge auf dem Teller gehabt. Wenn man sich das Kochbuch des Apicius anschaut – und bei dem zuvor erwähnten Kochkurs die Gerichte nachkocht –, dann stellt man ganz schnell fest, dass die römische Küche eigentlich sehr lecker war. Die Gerichte sind in der Regel lediglich etwas süßer im Geschmack, als wir es gewöhnt sind, da man gerne Unmengen an Honig an quasi alles gab. Und Fischsauce natürlich. Ohne garum ging – fast – gar nichts.

Schwab, Sandra - Zeichnung der Saalburg

Historische Liebesromane, die ab den 1970er Jahren das gesamte moderne Liebesromangenre maßgeblich mitbegründet haben, werden immer wieder gerne totgesagt. Wenn doch welche in den Verlagsprogrammen erscheinen, dann sind es hauptsächlich solche, die im Regency-England spielen und/oder einen Highlander zum Helden haben. Schwimmen Sie gerne gegen den Trend? Oder sind Leser viel mehr an Abwechslung interessiert, als die Branche ihnen zugesteht?
Es ist tatsächlich so, dass sich Liebesromane, die im Regency-England oder in Schottland spielen, besser verkaufen. Allerdings habe ich noch nie so wirklich nach Markttrends geschrieben (was ich vielleicht sollte), sondern bin immer schon gerne eigene Wege gegangen. Mich fasziniert es zu sehr, Neues zu erkunden, Neues über Geschichte zu lernen und das alles dann fiktional umzusetzen. Ich weiß, dass viele Leser gerade diese Lust am Ungewöhnlichen an meinen Büchern schätzen.
Man mag mit Contemporaries über Multimillionäre momentan zwar besser verdienen, aber wenn ich Contemporaries über Multimillionäre schreiben würde, hätte ich ja gar keine Entschuldigung mehr, mir neue Bände von viktorianischen Zeitungen und Zeitschriften zu kaufen oder an römischen Kochkursen teilzunehmen. Und wie traurig wäre das denn!


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Fotos © Sandra Schwab