Im Gespräch mit Michelle Raven über sexy Cowboys, starke Heldinnen und den heutigen Liebesromanmarkt

Raven, Michelle 2 - privat

Bücher spielten im Leben von Michelle Raven immer eine große Rolle. Sie war begeisterte Leserin, besonders von Liebesromanen, und von Beruf sogar Bibliothekarin. Doch selbst eines zu schreiben, war eher eine spontane Idee als ein langgehegter Traum. Mit ihrem ersten Roman „Canyon der Gefühle“, der später unter dem Titel Vertraute Gefahr neu aufgelegt wurde, schrieb sie sich sofort in das Herz vieler Leser, die sie bestärkten, als Autorin weiterzumachen. Das war im Jahr 2002, und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Auch wenn die gebürtige Hannoveranerin, die nach einem Abstecher ins Rheinland inzwischen wieder in Norddeutschland lebt, durchaus Aufs und Abs in ihrer Schriftstellerkarriere erlebt hat, gehört sie seit Jahren zu den beliebtesten Liebesromanautorinnen des Landes und begeistert mit ihren Büchern regelmäßig tausende Leser. Gerade hat sie den ersten Band einer neuen Buchserie veröffentlicht, in dem sie wieder perfekt Romantik und Spannung miteinander vereint.

Im Herbst 2002 erschien Ihr erstes Buch. Müssen Sie sich nach über fünfzehn Jahren noch manchmal kneifen, dass Sie veröffentlichte Autorin sind?
Nein, das muss ich nicht mehr. Dann schon eher, dass ich IMMER NOCH Autorin bin. Es ist eine lange Zeit und währenddessen habe ich fünfunddreißig Bücher geschrieben. Manchmal kommt es mir unwirklich vor, dass ich so lange durchgehalten habe. Aber es ist auch schön.

Cover - Raven, Michelle - Hunter 1 - Vertraute Gefahr - LYXFrüher war es schwer, überhaupt veröffentlicht zu werden. Dazu brauchte man einen Verlag – wenn man nicht Unsummen an einen unseriösen Druckkostenzuschussverlag zahlte. Heute kann jeder, dank der vielen Möglichkeiten im Self-Publishing, ein Buch herausbringen, dafür wird es ob der großen Flut an Titeln immer schwerer, auf dem Markt sichtbar zu werden. Glauben Sie trotzdem, dass neue Autoren es jetzt leichter haben? Oder ist es einfach nur anders?
Leichter hat es sicher niemand, denn schreiben und veröffentlichen ist immer noch harte Arbeit. Aber heute kann auch jemand Erfolg haben, der früher nie eine Chance gehabt hätte. Entweder weil das Genre bei den Verlagen nicht gefragt ist oder weil die Qualität niemals für eine Verlagsveröffentlichung ausgereicht hätte. Ersteres gefällt mir richtig gut, letzteres sehe ich mit einem Hauch von Traurigkeit, weil es so viele tolle Romane gibt, die nie so weit nach oben kommen, die es aber verdient hätten. Auf jeden Fall ist es leichter geworden, überhaupt zu veröffentlichen, das ist keine Frage. Denn das kann heutzutage wirklich jeder machen und das ohne auch nur einen Cent in die Hand zu nehmen – wobei ich sehr dringend immer zu einem Lektorat und einem professionellen Cover raten würde!

Wie viele Ihrer Kolleginnen – nicht nur – im Liebesromangenre fahren Sie inzwischen zweigleisig und schreiben sowohl für Verlage, demnächst etwa für Romance Edition, als auch in Eigenregie. Was war der Auslöser, sich auch im Self-Publishing zu versuchen? Was schätzen Sie daran?
Bei mir war damals der Auslöser die Novelle Dunkle Hoffnung aus der TURT/LE-Serie. Der Verlag wollte nur das E-Book machen, also entschloss ich mich, endlich mal Self-Publishing auszuprobieren. Das Taschenbuch wurde sehr gut angenommen und nahm mir die Scheu, etwas auf eigene Kosten auszuprobieren. Nach meinen sehr dicken Verlagsbüchern wollte ich gerne auch mal Geschichten schreiben, die deutlich weniger Seiten haben. Da so etwas generell eher nicht in den Verlagen zu finden ist, entschied ich mich fürs Self-Publishing. Ich mag es, dass ich alleine entscheiden kann, wann ich was schreibe und veröffentliche. Vor allem kann ich sehr schnell reagieren, ich muss nicht ein Jahr warten, bis mein Buch endlich veröffentlicht wird. Ich kann so viele oder so wenige Bücher schreiben, wie ich möchte. Ich kann alleine über das Cover entscheiden. Ich bin von niemandem abhängig – abgesehen von Lektorin und Coverdesignerin, denen ich aber die Termine vorgebe. Das gefällt mir sehr gut.

Sie haben seit Beginn Ihrer Autorenkarriere Kontakt mit Ihren Lesern über das Internet aufgebaut, damals noch im leider nicht mehr existierenden „Romantischen Bücherforum“. Heute sind Online-Präsenz und Social-Media-Auftritte von Autoren kaum noch wegzudenken, allerdings ist der Ton inzwischen rauer geworden. Wo tummeln Sie sich als Autorin heute im Netz am liebsten? Und denken Sie manchmal auch mit nostalgischen Gefühlen an die „guten alten Zeiten“ zurück?
Ja, die alten Zeiten, das war schon schön. Ich war sehr gerne im „Romantischen Bücherforum“, in dem ich ja als ganz normale Leserin angefangen habe. Es war alles deutlich weniger auf Aufmerksamkeit und Verdienst ausgerichtet als heute. Vor allem war man auch nicht so gläsern wie heute. Heute wird praktisch erwartet, dass man auch private Dinge preisgibt und mit jedem zumindest virtuell befreundet ist. Wenn man das nicht tut, oder sehr begrenzt, dann hat man sofort einen Nachteil gegenüber den Autorinnen, die sich mehr öffnen. Das finde ich sehr schade. Wobei ich es auch sehr mag, mit meinen Lesern bei Facebook zu plaudern, oder sie auf Veranstaltungen wie Messen oder anderen Events zu treffen. Aber ich finde, es ist ein wenig die Distanz verloren gegangen, die es früher gab.

Romantisches Bücherforum Offline-Treffen in Köln im Juni 2004

Sie haben den Aufstieg des E-Books erlebt. Neben vielen Erleichterungen beim Veröffentlichen und für Leser hat es aber auch eine Schattenseite mit sich gebracht: die E-Book-Piraterie. Was fühlen Sie als Autorin, wenn sich jemand, der sich als Ihr „Fan“ bezeichnet, Ihre Bücher illegal herunterlädt? Denkt man da auch manchmal ans Aufhören?
Jetzt komme ich mir alt vor. Aber tatsächlich liebe ich E-Books, sowohl als Leser, weil ich nur noch meinen Reader mitschleppen muss und keine Bücherstapel, als auch als Autor, weil das einfach eine weitere sehr gute Möglichkeit ist, meine Bücher an die Leser zu bringen. E-Book-Piraterie dagegen regt mich immer wieder auf. Gerade gestern habe ich mein neues Buch auf drei verschiedenen Servern löschen lassen. Meist sind das dort fremde Leute, die ich nicht kenne, aber wenn ich erfahre, dass richtige Leser, die ich womöglich auch schon auf einer Veranstaltung persönlich getroffen habe, so etwas tun, dann werde ich richtig sauer. Und ich bin auch enttäuscht, dass jemand, der meine Geschichten liebt, mich so betrügt. Ans Aufhören denke ich dabei nicht, aber ich würde gerne meine Bazooka rausholen …

Glücklicherweise überwiegen in der Regel aber doch die „richtigen“ Fans. Was bedeutet Ihnen deren Unterstützung? Und wie unterstützen sie Sie?
Ich liebe meine Stammleser, die alle meine Bücher kaufen, über sie reden, ihre Meinung über das Buch teilen und Rezensionen schreiben. Das hilft sehr, die Kunde über ein neues Buch zu verbreiten und mehr Leser damit anzusprechen. Eine Leserin hat vor einigen Jahren auf Facebook eine Gruppe für meine Leser eingerichtet – Bücher von Michelle Raven –, die inzwischen über dreihundert Mitglieder hat. Dort wird über meine Bücher gesprochen, aber auch mal über anderes, und es gibt hin und wieder auch exklusive Infos zu Büchern, Cover und anderem von mir. Es macht richtig Spaß, sich dort zu unterhalten.

Obwohl Sie jetzt schon so lange „im Geschäft“ sind, ist das Schreiben von Büchern weiterhin offiziell „nur“ Ihr Nebenberuf – wobei er zeitlich vermutlich nicht wenig Zeit in Anspruch nimmt. Gab es nie die Überlegung, Ihren Brotberuf als Bibliothekarin und inzwischen Bibliotheksleiterin an den Nagel zu hängen?
Diese Überlegung gibt es immer dann, wenn ich gerade wieder an meine Grenzen stoße, wenn Schreiben und Beruf zu stressig werden. Aber es bleibt dabei, ich mag meinen Beruf und vor allem bietet er mir im Öffentlichen Dienst eine Sicherheit, die ich als Autorin nie hätte.

Vom Schreiben leben können tatsächlich nur ganz wenige Autoren. Wie oft begegnet Ihnen seitens anderer noch der Irrglaube, Autoren müssten alle reich sein?
Cover - Cross, Hailey R. - Cougar Mountain 1 - TroublemakerAch, gar nicht so oft. Es hat mich jedenfalls – außer in Interviews – noch nie jemand danach gefragt. Reich werden nur die wenigsten Autoren, aber davon leben kann man schon, wenn man sich in den richtigen Genres bewegt, fleißig ist und ein wenig Glück hat.

Das Liebesromangenre ist unglaublich vielfältig. Sie selbst tummeln sich auch in verschiedenen Subgenres – von übersinnlichen Liebesromanen wie Ihrer Ghostwalker-Serie bis neuerdings hin zu „Gay Romance“ jetzt auch unter dem Pseudonym Hailey R. Cross. Ihre erste große Liebe war jedoch Romantic Suspense, also die Mischung aus Liebesroman und Krimi/ Thriller, der Sie auch bis heute treu sind. Was fasziniert Sie so daran? Hatten Sie Vorbilder oder Lieblingsautoren?
Das stimmt, ich liebe Romantic Suspense immer noch und selbst wenn ich etwas anderes wie Romantic Fantasy oder Gay Romance schreibe, ist es eigentlich auch immer Romantic Suspense. Ganz ohne Spannung könnte ich vermutlich gar nicht schreiben. Ich liebe diese Mischung aus atemberaubender Spannung, Liebe und heißen Szenen. Sowohl als Leserin, als auch als Autorin. Es wird einfach nie langweilig. Vorbilder würde ich nicht sagen, aber früher habe ich mit den Büchern von Linda Howard und Sandra Brown zuerst in diesem Genre gelesen, auch wenn es in Deutschland nicht so bezeichnet wurde, und später auch Military Romantic Suspense zum Beispiel von Suzanne Brockmann.

Und welche Romantic-Suspense-Autoren lesen Sie heute gerne? Welche aktuellen Bücher können Sie empfehlen?
Leider bin ich in letzter Zeit gar nicht mehr so viel zum Lesen gekommen, wie ich eigentlich gewollt hätte. Ich mag Kele Moons Untamed Hearts-Serie ganz gerne.

Bei vielen deutschen Verlagen ist das Subgenre nicht mehr sonderlich hoch im Kurs. Welche Art von Büchern bestimmt aus Ihrer Sicht derzeit den Liebesromanmarkt? Und muss man sich als Autor manchmal auch verbiegen, um den Anschluss nicht zu verpassen?
Tatsächlich war das Genre bei den Verlagen leider noch nie hoch im Kurs. Schon gar nicht mit amerikanischen Schauplätzen und Helden von deutschen Autorinnen. Seit meiner ersten Veröffentlichung musste ich darum kämpfen, glücklicherweise habe ich immer wieder Verlage gefunden, die das Genre mochten und veröffentlicht haben. Es wird allerdings in letzter Zeit noch schwieriger, deshalb sind vermutlich viele Romantic-Suspense-Autorinnen Selfpublisher geworden beziehungsweise haben gleich dort angefangen. Momentan stehen immer noch New-Adult-Liebesromane hoch im Kurs, aber auch weiterhin Erotik-Geschichten, und besonders im Self-Publishing Bad Boys, Bosse oder auch Dark Romance. Vermutlich müsste man sich verbiegen, um ganz vorne mitzuspielen, aber das tue ich nicht. Ich möchte das schreiben, was mir Spaß macht, nur dann kann ich gute Geschichten produzieren.

Nicht nur was Subgenres angeht, auch bei Heldentypen gibt es Favoriten. Derzeit stolpert man oft über eine spezielle Art von „Bad Boys“. Einige Liebesromanpaare sind dabei alles andere als Vorbilder für gesunde, gleichberechtigte Beziehungen. Die „Helden“ behandeln die Heldinnen auch schon mal recht mies. Ihre Alpha-Helden – etwa so jemand wie Clint Hunter aus Riskante Nähe – würden sich aber wohl eher die Hand abhacken, als je ein solches Verhalten einer Frau gegenüber an den Tag zu legen. Warum können Ihre Helden stark sein, ohne beherrschend zu werden?
Ich kann tatsächlich mit diesen heutigen „Helden“ nicht viel anfangen. Ich bin der Meinung, dass es nicht von Stärke und Selbstbewusstsein zeugt, wenn der Held eine Frau zu etwas zwingen muss. Oder er sich wie ein … Entschuldigung … Arschloch verhält. Das ist für mich ein absolutes No-go. Meine Helden sind stark, weil sie tun, was getan werden muss, aber sich dabei nicht zu wichtig nehmen. Es ist für sie wichtiger, der Frau, die sie lieben, zu helfen. Ich denke, es liegt aber auch an den Heldinnen. Die sind heute häufig eher schwach, lassen sich herumstoßen und -kommandieren. Meine Heldinnen würden das nicht mit sich machen lassen.

Apropos Clint Hunter, er steht bei vielen Leserinnen auf ihren Lieblingshelden-Listen auf einem der vorderen Plätze. Haben Sie auch Lieblingshelden, die aus der Feder anderer Autorinnen stammen?
Cover - Raven, Michelle - Lyons Ranch 1 - Soul Deep - Self-publishedLieblingshelden würde ich nicht sagen. Aber ich mag einige sehr gern. Besonders diejenigen, die nicht so glatt sind, sondern Ecken und Kanten haben, aber trotzdem heldenhaft handeln. Adam Burke aus Vicky Hinzes Duplicity fällt mir da ein. Oder J.T. Dillon aus Lisa Gardners The Perfect Husband, weil er ein sehr unwahrscheinlicher Held ist.

Einen Traummann haben Sie auch wieder mit Wayne Lyons erschaffen, dem Helden im Auftaktband Ihrer neuen „Lyons Ranch“-Serie. Mit welchen drei Wörtern würden Sie ihn beschreiben? Und was macht ihn zum richtigen Partner für die so verletzliche Heldin Jenna Thompson in Soul Deep?
Selbstbewusst, verantwortungsbewusst … sexy. Wayne ist der perfekte Partner für Jenna, weil er einfach an ihrer Seite steht, sie immer unterstützt, was sie so dringend benötigt. Er zwingt sie auch nicht, sich zwischen der Vergangenheit und ihm zu entscheiden, er ist für sie da, egal, was sie tut. Jenna braucht jemanden, der bedingungslos an ihrer Seite steht, auf den sie sich verlassen kann und der sie an vorderste Stelle setzt. Das hat bisher nie jemand getan.

Wayne ist ein waschechter Cowboy. Sie recherchieren gerne an Originalschauplätzen. Waren Sie auch schon auf einer Ranch?
Nicht direkt darauf, aber ich habe über den Zaun gelugt. Ich bin oft im Westen der USA unterwegs, wo es unzählige Ranches gibt. Da bekommt man schon einiges mit.

Wayne ist nicht der erste Lyons in Ihren Büchern. Sein Bruder Gray war schon ein Hauptakteur Ihrer The Riverside Club-Serie. Wann war Ihnen klar, dass seine Familie bestes „Liebesroman-Potenzial“ haben könnte?
Der Gedanke kam mir schon beim Schreiben von Haltlos, als ich zum ersten Mal die Lyons getroffen habe. Wobei, wenn ich ganz ehrlich bin, war das sogar noch in Hilflos, als Gray bei Shanna war, um auf sie aufzupassen. Mehr kann ich darüber aber nicht verraten, weil das den zweiten Band betrifft.

Neben Gray und Wayne gibt es noch mehrere Brüder. Wie sieht denn die Zukunft der „Lyons Ranch“-Serie aus? Und was haben Sie – Stichwort Romance Edition – noch für die nächste Zeit geplant?
Da der erste Band so gut angekommen ist, werde ich mich bemühen, in diesem Jahr noch einen zweiten „Lyons Ranch“-Band herauszubringen. Das wird aber eher am Ende des Jahres sein, weil ich als Hailey R. Cross derzeit noch am zweiten Band der „Cougar Mountain“-Serie schreibe und danach gleich mit dem ersten Band der „RIOS“-Serie anfangen muss. Dieser Ableger der „TURT/LE“-Serie wird im März 2019 bei Romance Edition erscheinen. Darauf freue ich mich schon sehr.


Fotos © Michelle Raven, privat
Cover © Michelle Raven, LYX

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