Im Gespräch mit Mhairi McFarlane über ihre Bücher, Jane Austen und Happy Ends

McFarlane, Mhairi - Copyright Ruth Rose

Mhairi McFarlane mag einen kompliziert aussehenden schottischen Vornamen haben – der übrigens Vari ausgesprochen wird –, beim Interview, das wir mit ihr an einem regnerischen Morgen letzte Woche in Köln führen durften – da hatte sie wohl das englische Wetter mitgebracht –, war die Autorin dagegen ganz unkompliziert und plauderte bester Laune über ihren Werdegang als Autorin und natürlich über ihren gerade bei Knaur erschienenen Roman Es muss wohl an dir liegen (It’s Not Me It’s You). Den präsentierte sie schließlich zusammen mit Moderatorin Margarete von Schwarzkopf und der Schauspielerin Hannah Herzsprung auf ihrer Lesereise durch Deutschland und Österreich. Wer nun neugierig auf das Buch wird, kann es bis zum 8. Mai bei uns gewinnen.

 

Wann haben Sie Bücher für sich entdeckt?
Ich habe schon als Kind sehr gerne gelesen. Ehrlich gesagt habe ich damals sogar sehr viel mehr gelesen als jetzt als Erwachsene. Meine Mutter hatte sehr viele Bücher und hat mir nie Vorschriften gemacht, was ich lesen darf und was nicht. Ich war ziemlich frühreif und habe mir Sachen ausgesucht, die eigentlich für Erwachsene geschrieben worden waren. Nichts Anstößiges, aber eben Romane, die Kinder und Jugendliche normalerweise nicht lesen. Die habe ich dann alle bei mir gehortet.

Waren da auch die typischen Liebesromane von Mills&Boon dabei, die hierzulande als CORA-Romane erscheinen?
Nein, davon hatte meine Mutter keine. Aber meine Großmutter hatte ein ganzes Regal voll mit Büchern von Georgette Heyer, und sie und meine Großtante waren große Fans von Jane Austen. So habe ich schon sehr früh Liebesromane quasi absorbiert.

Hatten Sie denn bei so viel Erwachsenenliteratur überhaupt ein Lieblingskinderbuch?
Das wurde ich auch schon mal bei einer Veranstaltung in meiner Heimatstadt gefragt, und tatsächlich gibt es da ein Buch, ich weiß nur den Titel nicht mehr. Es ging um ein armes Mädchen, das irgendwie von einem bösen Onkel adoptiert worden war und auf einem Dachboden lebte. Da gab es aber einen Mann, dem sie es angetan hatte und der, immer wenn sie weg war, in ihr Zimmer ging und es mit schönen Dingen dekorierte. Das hat wohl auch ein bisschen meine materialistische Seite angesprochen. Es ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich muss unbedingt herausfinden, wie das Buch hieß, denn ich erinnere mich, dass ich damals dachte, dass ich auch unbedingt Autorin werden wollte. Ich muss ungefähr acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Geschichten zu erzählen hat etwas Magisches, egal in welcher Form, ob Bücher, Filme, Theaterstücke oder Drehbücher.

Sie wussten also schon als Kind, dass Sie Autorin werden wollten. Haben Sie es jemandem gesagt?
Oh, ja, ich habe meiner Mutter andauernd gesagt, dass ich Autorin werden wollte – oder Hexe. Und meine Mutter meinte dann nur, dass es mit dem Schreiben wohl einfacher werden würde. Schon komisch, bis elf oder zwölf wollte ich nichts Anderes, aber dann hat es gedauert, bis ich einunddreißig war, bis ich diesen ursprünglichen Wunsch wirklich verfolgt habe. Ich glaube, es liegt daran, dass niemand, außer er ist sehr selbstbewusst oder sehr reich, nach dem Schulabschluss sagt, hey, ich werde Autor. Und es hat sicher auch etwas damit zu tun, dass ich zu der Zeit noch gar nicht viel hatte, worüber ich schreiben konnte. Ich denke, man muss zuerst ein bisschen gelebt, etwas von der Welt oder dem wahren Leben gesehen haben. Man wird ein besserer Autor, wenn man schon etwas älter oder reifer ist und über ein bisschen Erfahrung verfügt.

Was hielten Ihre Schulfreunde denn von Ihrem Berufswunsch? Es war vermutlich nicht unbedingt cool, Autorin werden zu wollen.
Ach, die fanden das ganz okay. Sie wollten alle eher Fernsehmoderatoren, Schauspielerinnen oder Popstars werden. Und da war ich dann schon mal keine Konkurrenz für sie. Es war mehr so, dass sie sagten, ich dürfte später überall dabei sein und könnte dann ein Buch über sie schreiben. Das fanden sie cool.

Welche Bücher haben Sie in Ihrer Jugend geprägt?
Ich erinnere mich an meinen Französischlehrer in der Schule, der eigentlich ein sehr sanftmütiger Mann war und nur selten laut wurde. Aber als er mich im Unterricht erwischte, wie ich Francine Pascals „Sweet Valley High“-Bücher las, hat er mir ordentlich den Marsch geblasen. Ich saß vorne in der Ecke und war irgendwie in einer eigenen Welt. Aber auch sonst habe ich alles gelesen, oder besser gesagt inhaliert, was so um mich herum war. Was meine Freunde lasen oder was ich geschenkt bekam. Ja, ich weiß, das ist keine hohe Literatur, aber als Teenager war ich total süchtig danach.

Also nichts mit Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ (Woina i mir) oder ähnlichen Werken?
Ich wünschte, das könnte ich von mir behaupten, um richtig intelligent zu wirken, aber nein. Ist das nicht schrecklich? Und dabei habe ich auch noch einen Abschluss in Englischer Literatur.
Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ (Pride and Prejudice) hatte allerdings großen Einfluss auf mich, wenn es um Klassiker geht. Sehr großen. Es mag merkwürdig klingen, aber Elizabeth Bennet war die erste Heldin, die mich als Person verändert hat, denn ich habe versucht, mich mehr wie sie zu benehmen, nachdem ich das Buch gelesen hatte. Ich denke, das ist es, was mit prägend gemeint ist.

Cover - McFarlane, Mhairi - Wir in drei Worten - KnaurNach Ihrem Studium in Manchester, wo auch Ihr erster Roman Wir in drei Worten (It Happened At Hello) spielt, wurden Sie Journalistin. War das eine bewusste Entscheidung für diesen Beruf?
Ja, das hatte ich vor seit meiner zynischen Teenagerzeit, als ich nicht mehr ausgelacht werden wollte. Und wie ich schon erwähnte, „Autor“ hörte sich einfach nicht nach einem richtigen Job an. Tut es irgendwie auch immer noch nicht. Also ja, es gab dann irgendwann einen Zeitpunkt, ab dem ich Journalistin werden wollte. Ich hatte zwei Freundinnen, mit denen ich zur Berufsberatung ging, als wir etwa vierzehn waren. Ich war eins dieser sonderbaren Kinder, und so war das für uns so etwas wie ein Highlight während der Mittagspause. Ich weiß, das klingt lächerlich. Da gab es Prospekte der verschiedenen Universitäten, und wir blätterten durch das der Uni von Manchester. So wusste ich mit vierzehn, dass ich dort studieren wollte, Englische Literatur im Hauptfach, und dass ich nach dem Abschluss als Journalistin arbeiten wollte.
Meine beiden Brüder und meine Schwester haben verschiedene Sachen ausprobiert, um herauszufinden, was sie machen wollten. Aber ich war halt so ein komischer Kauz, der ganz genau wusste, was er mal werden möchte. Liegt wohl auch daran, dass Schreiben immer das einzige war, was ich wirklich gut konnte. Also hatte ich kaum eine andere Wahl.

Haben Sie bei einer Zeitung gearbeitet?
Ich habe zuerst ein Praktikum gemacht und dann für ein kleines Wochenblatt gearbeitet in Stamford. Das ist ein Städtchen in England, das wegen seiner Architektur gerne als Kulisse für Kostümfilme, etwa Jane-Austen-Adaptionen, verwendet wird. Leider war der Job recht einschläfernd, und so habe ich das nur ein paar Monate gemacht.
Dann bekam ich ein Angebot der Lokalzeitung meiner Heimatstadt Nottingham. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, dort lange zu bleiben, doch am Ende habe ich dort sieben Jahre gearbeitet – bis ich kündigte, um meinen Debütroman zu schreiben.

Haben Sie während Ihrer Zeit als Journalistin viele Geschichten gesammelt, die Ihnen jetzt als Autorin zugutekommen?
Absolut. Das war die beste Vorbereitung für das, was ich jetzt mache. Man trifft als Journalistin jeden Tag neue Leute und erfährt ihre Geschichten. Man berichtet über Katastrophen, Polizeieinsätze, immer wieder gibt es Überraschungen. Man ist da immer mitten im Leben, auch in der Nachrichtenredaktion, wo es so viele unterschiedliche Charaktere gibt. Ich war zuerst Nachrichtenreporterin, dann durfte ich Artikel schreiben. Und ich habe die Theorie, dass Artikel zu schreiben eine gute Übung für das Schreiben von Romanen ist. Nehmen wir etwa einen Busunfall. Egal wer eine Nachricht darüber verfasst, es gibt nicht allzu viele Möglichkeiten, wie man diesen Kurztext schreibt. Spätestens der Redakteur wird einem sagen, was in so eine Nachricht reingehört und was nicht. Wenn man aber einen der überlebenden Businsassen interviewt, gibt es Millionen Varianten, daraus einen Artikel zu machen. Die Zitate dieses Überlebenden sind die Dialoge, er selbst einer der Charaktere, und er gibt einem den Plot. Aber man selbst formt daraus eine Geschichte.
Als ich Artikel schrieb, habe ich ganz unbewusst damit angefangen, Romanautorin zu werden. Ich habe überlegt, wie ich eine Story am unterhaltsamsten schreiben konnte.

Schließlich haben Sie umgesattelt und Ihre Autorenkarriere begonnen. Warum gerade mit einunddreißig? Gab es einen Auslöser?
Das ist eine sehr gute Frage. Nun, als ich dreißig wurde, arbeitete ich noch bei der Zeitung. Dieser Geburtstag ist für viele ein Wendepunkt. Sie fragen sich, was sie im Leben und in ihrer Karriere erreicht haben, und manche geraten deshalb in eine Krise. Für mich fühlte sich das dagegen immer noch sehr jung an und war kein Grund, hysterisch zu werden. Aber ich kam dann doch allmählich ins Grübeln. In meinem Debütroman sagt jemand zu Mindy, einer Freundin meiner Heldin: „Einunddreißig zu werden ist so viel schlimmer, als dreißig zu werden.“ Das spiegelte genau meine damalige Gefühlslage wider. Ich war plötzlich richtig in diesem Jahrzehnt meines Lebens angekommen und dachte, jetzt muss es aber irgendwie losgehen. Okay, du bist einunddreißig geworden. Na und? Das interessiert doch niemanden. Das ist kein besonderer Geburtstag.
Es war ein regelrechter „Jetzt oder nie“-Moment. Ich wusste, dass, wenn ich es jetzt nicht wagen würde, ich über kurz oder lang vierzig wäre. Und dann würde ich mich das nicht mehr trauen. Zu viele Verpflichtungen und so weiter. Für mich war also die Einunddreißig der große Wendepunkt. Die Krise war schleichend bei mir angekommen. Ich hatte ja nie vorgehabt, für immer bei der Lokalzeitung zu bleiben. Also ging ich die Erfüllung meines Traums an, Autorin zu werden. Das ist allerdings ziemlich schwer, niemand gibt einem schließlich die Erlaubnis, ein Buch zu schreiben.

Wie sind Sie es dann genau angegangen? Haben Sie einfach angefangen zu schreiben? Hatten Sie einen Plan?
Ich hatte zwei Ideen. Eine für einen Thriller, der in einer Nachrichtenredaktion spielt, und für den ich auch ein Romanmanuskript geschrieben habe. Und dann habe ich ein bisschen herumgespielt. Das ist das schmutzige Geheimnis von Autoren. Es wäre ja schön, wenn man morgens aufwacht und sagen kann, dass man plötzliche eine ganze Geschichte im Kopf hat. Aber so ist das nicht. Es sind immer nur Versatzstücke, die man dann zusammenpuzzeln muss. Ich wusste nur, dass ich noch eine Geschichte schreiben wollte, die an der Uni spielt.
Einen großen Einfluss hatte dabei Jane Austens „Überredung“ (Persuasion). Ich liebe das Thema: Bedauern und die Frage, ob man eine zweite Chance bekommt. Ich weiß noch, dass ich einen Freund auf einen Drink traf und ihm sagte, dass ich wüsste, was meine Heldin von Beruf ist, nämlich eine Gerichtsreporterin. Und er meinte nur: „Aha“. Aber ich war ganz aufgeregt und sagte: „Ja, das ist ein totaler Durchbruch. Sie ist Gerichtsreporterin. Das ist ein Job, der so überhaupt nicht nach ChickLit klingt. Das wird super funktionieren.“ Seine Antwort darauf: „Okay, wenn du das sagst. Hol mir ein Bier!“ So kamen verschiedene Dinge zusammen.

Wie lange haben Sie an „Wir in drei Worten“ geschrieben?
Ehrlich gesagt weiß ich das nicht genau. Die erste Fassung, die ich geschrieben hatte, war recht traurig, düster und voller existentieller Fragen. So funktionierte es aber überhaupt nicht, und die Fassung wanderte in die Schublade. Oder vielmehr habe ich die Story komplett umgeschrieben. Der Zeitrahmen? Nun, ich fing damit an, als ich einunddreißig war. Und als das Buch veröffentlicht wurde, war ich sechsunddreißig. Ich sage immer, wer schnell reich werden will, sollte es nicht mit Bücherschreiben versuchen.

Wie klappte es schließlich mit der Veröffentlichung? Es ist ja eine Sache, ein Buch zu schreiben, aber noch eine ganz andere, es dann auch bei einem Verlag zu veröffentlichen.
Lange Rede, kurzer Sinn – es war verdammt schwer. Meine deutsche Lektorin, mit der ich bei meinem Besuch in München sprechen konnte, war ganz verwundert, denn sie meinte, es wäre so erfrischend. Sie konnte nicht verstehen, dass es so lange gedauert hat, bis es von einem Verlag in England angenommen wurde.
Ich bin ganz froh, dass ich damals nicht wusste, dass, wenn Verlage gerade nichts aus einem bestimmten Genre suchen, weil sie schon jede Menge Bücher davon haben, es beinahe egal ist, wie gut ein Manuskript ist. Es wird dann einfach nicht gekauft. Als ich einen Verlag für „Wir in drei Worten“ suchte, gab es bei mir zuhause in Großbritannien jede Menge ChickLit-Romane. Da wurde alles andere als nach neuen Autoren wie mir gesucht. Deshalb erhielt ich, als ich die Runde bei den Lektoren für Frauenromane der sechs großen Verlage drehte, auch eine Absage nach der anderen. Eine davon war aber sehr interessant. Sie kam vom Verlag, der auch David Nicholls Zwei an einem Tag (One Day) veröffentlicht hatte. Mein Agent rief mich an und erzählte mir von der Absage, wollte sie mir aber unbedingt vorlesen. Ich sagte: „Muss das sein?“ Und er meinte nur: „Ja, denn sie ist sehr schmeichelhaft.“
Ich bin mit der Lektorin Isobel Akenhead, von der diese Absage kam, bis heute befreundet, denn ich bin ihr sehr dankbar für das, was sie mir schrieb. Im Begleitbrief stand, sie könne mein Manuskript leider nicht veröffentlichen, weil sie gerade erst „Zwei an einem Tag“ herausgebracht hätten und die Bücher sich vom Thema her zu sehr ähneln würden. Aber ich hätte eine großartige Karriere vor mir, ich solle mich nicht entmutigen lassen, sondern durchhalten. Das war das erste Mal, dass jemand aus der Verlagsbranche mir sagte, dass mein Manuskript etwas taugte.
Zu dem Zeitpunkt war ich wirklich kurz davor gewesen aufzugeben. Doch dann kaufte eine Lektorin von HarperCollins, die zufällig aus Manchester stammte, das Buch. Anscheinend kam der Schauplatz gut bei ihr an.

Wie war es, schließlich das fertige Buch in Händen zu halten?
Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, das wohl nur schwer zu toppen ist. Man bekommt ja eine Kiste mit Belegexemplaren zugeschickt. Als ich die aufgemacht und all die Bücher mit meinem Namen darauf gesehen habe – wow! Das war wundervoll. Tut mir leid, ich gerate immer noch ins Schwärmen, wenn ich daran denke.

Sie schreiben romantische Komödien, manchmal auch als ChickLit bezeichnet. Warum haben Sie sich letztlich für dieses Genre entschieden? Oder war es andersrum?
Ja, in gewisser Weise hat das Genre mich ausgesucht. Wie erwähnt hatte ich ja auch einen Thriller geschrieben. Aber bei „Wir in drei Worten“ hat es einfach Klick gemacht. Irgendwas Magisches ist passiert. Es hatte sicher auch etwas damit zu tun, dass ich das Genre selbst sehr gerne gelesen habe. Es gibt sicher Leute, die es schreiben, weil sie glauben, dass sie damit eher Chancen haben, veröffentlicht zu werden, obwohl es nicht ihre „erste Liebe“ ist, wenn man so will. Aber ich kann gar nicht genug von Romantik bekommen. Egal ob als Buch oder Film, wann immer Liebe drin vorkommt, ist das was für mich.

Haben Sie Lieblingsautoren im Genre?
Ich mag Marian Keyes, Lisa Jewell und natürlich David Nicholls. Er würde von sich selbst vermutlich nicht behaupten, dass er welche schreibt, aber für mich sind seine Bücher einfach wundervolle Liebesromane.
Allerdings stehe ich nicht auf die Sorte ChickLit, in denen die Heldin hauptsächlich mit Shopping beschäftigt ist. Und der Humor sollte Biss haben. Was ich suchte, habe ich dann manchmal eher in Filmen gefunden als in Büchern.

Cover - McFarlane, Mhairi - Es muss wohl an dir liegen - KnaurSie sprachen auf Ihrer Lesung in Köln von der richtigen Balance zwischen Romantik und Humor, die nur sehr schwer zu finden ist, egal ob in Buch oder Film. Hätten Sie Beispiele, wo sie Ihrer Meinung nach gut gelungen ist?
Ich denke da etwa an den ersten „Bridget Jones“-Film. Darin gibt es unglaublich witzige Momente, aber am Ende, wenn Mark Darcy Bridget küsst, dann glaubt man wirklich, yeah, dass er sich in sie verliebt hat. Und auch „Harry & Sally“ (When Harry Met Sally) ist ein gutes Beispiel, weil man es ihnen abnimmt, dass sie sich wirklich lieben.
Anders war das bei „Dating Queen“ (Trainwreck). Den fand ich unterhaltsam, aber eben nicht wirklich romantisch. Weder die Figuren noch wir als Zuschauer haben geglaubt, dass das jetzt eine große Liebe ist.

Sie sind auch ein großer Jane-Austen-Fan. Warum sind ihre Geschichten auch heute, rund zweihundert Jahre später, noch so beliebt?
Das ist ganz einfach: Sie versteht Menschen. Und sie ist großartig darin, Leute zu beschreiben. Wie zum Beispiel Emporkömmlinge. Mir fällt da aus „Stolz und Vorurteil“ etwa die versnobte Schwester Caroline Bingley ein und wie sie über Elizabeth redet. Sie kann eigentlich keinen Makel an ihr finden. Es geht einzig um Neid, Eifersucht und eben Snobismus. Dann saugt sie sich etwas aus den Fingern in der Art, Lizzy würde sich fürchterlich etwas auf ihre Unabhängigkeit einbilden. Solch stutenbissige Frauen kennen wir auch heute noch im Jahr 2016. Der Schauplatz mag sich ändern, genauso wie Technologien, aber die menschliche Natur verändert sich nicht.

Welches Buch – und welchen Helden – von Austen mögen Sie denn am liebsten?
Tut mir leid, wenn das langweilig ist, aber es sind in der Tat „Stolz und Vorurteil“ und Darcy. Allerdings hat „Überredung“ auch einen besonderen Platz in meinem Herzen, weil ich dieses Thema des Bedauerns so gerne mag. In „Stolz und Vorurteil“, obwohl Lizzy am Ende arm sein könnte, falls sie nicht heiratet, hat sie eine so unbezwingbare Verve, die uns glauben lässt, dass es ihr trotz allem gutgehen würde. Was ich an „Überredung“ so liebe, ist, dass die arme Anne diesen schrecklichen Fehler gemacht hat, den sie eigentlich nie wieder gut machen kann.
Da sind diese Eindringlichkeit, die Sehnsucht, das Bedauern und der Wunsch, etwas ungeschehen machen zu können. Okay, vielleicht haben wir nicht alle als Teenager Mr. Right abgewiesen, aber wir kennen diese Gefühle. Oder den Gedanken, irgendwann im Leben den falschen Weg eingeschlagen zu haben. Hach, ich liebe dieses Buch.

Und wie sieht es mit einer Lieblingsverfilmung aus? Ist es der Klassiker?
Ja, ist es, die „Stolz und Vorurteil“-Miniserie von 1995 mit Colin Firth. Aber um auch eine nicht ganz so langweilige Antwort zu geben, es gibt da auch eine noch nicht ganz so alte Verfilmung von Persuasion mit Sally Hawkins als Anne Elliot, ein Fernsehfilm.

Der mit Rupert Penry-Jones als Captain Wentworth?
Jaaaaaaaa! Ganz genau. Den fand ich wunderschön. Und er war irgendwie so modern.

Kommen wir zurück zum Humor. Die Briten sind berühmt für ihren, uns Deutschen wird dagegen nachgesagt, wir hätten gar keinen. Warum, glauben Sie, kommen Ihre Bücher trotzdem so gut bei uns an?
Ich finde es toll, dass die deutschen Leser meine Bücher mögen. Aber zuerst einmal halte ich es für falsch, dass die Deutschen keinen Sinn für Humor hätten. Ich finde, den haben sie durchaus, zumindest die, die ich bislang getroffen habe. Und dann denke ich, dass mein hiesiger Verlag einfach versteht, wie ich ticke. Als mir meine Lektorin zum ersten Mal die deutschen Cover schickte, war ich sofort begeistert. Die waren wirklich toll gemacht, sie hatten so etwas Modernes. Ich glaube, sie haben mir damit einen großen Dienst erwiesen, wie sie mich auf dem hiesigen Markt eingeführt haben. Und anscheinend haben die Leser hier großen „Appetit“ auf romantische Komödien mit schlagkräftigem Humor. So als Gegenentwurf zu anderen eher zuckersüßen Liebesromanen.

Wie beginnen Sie normalerweise ein Buch? Haben Sie eine Szene im Kopf, schon den ganzen Plot oder nur die Charaktere?
Ich habe immer einen Anfang. Und was meine Anfänge angeht, da bin ich sehr pingelig. Mein neues Buch, das gerade in England erschienen ist, heißt „Who’s That Girl“. Einen deutschen Titel gibt es noch nicht. Bei dem war ich besonders pingelig. Ich habe zuerst nur die ersten drei oder vier Kapitel geschrieben, weil ich die unbedingt richtig hinkriegen wollte.
Bei „Wir in drei Worten“ hatte ich auch noch ein paar Schlüsselszenen im Kopf zwischen Rachel und Ben. So läuft es meistens: Anfang, Schlüsselszenen, Ende. Und dann wird ausgearbeitet. Mann, bei „Wir in drei Worten“ habe ich vielleicht am Ende gefeilt, um es genau so hinzubekommen, wie ich es haben wollte.
So läuft das bei mir. Ich könnte nicht irgendwo zwischendrin anfangen. Meine Erfahrung als Autorin ist wohl so ähnlich wie bei einem Leser. Ich erzähle mir die Geschichte quasi selbst und verfolge sie vom Anfang bis zum Ende.

Cover - McFarlane, Mhairi - Vieleicht mag ich die morgen - KnaurAls Ihr Debütroman erschien, waren Sie noch völlig unbekannt. Ist es jetzt schwerer für Sie bei einer Veröffentlichung, weil die Leser nun eine gewisse Erwartungshaltung an Sie haben?
Das ist eine gute Frage. Ja, ich denke das ist so. Aber es ist komisch. Es mag praktischer denkende Menschen geben, aber mein Horizont ging nicht über den Moment hinaus, wenn mein erstes Buch erscheinen würde, als ich anfing. Schon allein der Gedanke, irgendwann mal veröffentlicht zu werden, war so überwältigend, dass ich keine zwei Schritte weitergedacht habe.
Was danach kam, war dann fast ein Schock. Wie jetzt, ich muss neue Ideen haben, weitere Bücher verkaufen, an meine Karriere denken und mich als Autorin weiterentwickeln? Oh mein Gott!
Aber das Schöne ist, wie es meine Lektorin so nett formulierte, man ist nie wieder ein Nobody, wenn man ein neues Buch veröffentlicht. Man hat immer seine Leserschaft. Trotzdem gibt es einen gewissen Druck. Bei dieser Art von Romanen wollen die Leser irgendwie stets das Gleiche, aber mehr. Das ist eine große Aufgabe, die einem bewusst sein muss. Man darf sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen und sich wiederholen, sondern man muss immer besser werden.
Wenn ich das nicht beherzigt hätte, hätten Leser mich wohl bezichtigt, „Wir in drei Worten“ einfach kopiert und ein bisschen umgeschrieben zu haben. Und dann wären sie zu Recht sauer gewesen, schließlich haben sie für mein zweites Buch „Vielleicht mag ich dich morgen“ (Here’s Looking At You) auch gutes Geld bezahlt.
Es ist also immer die Frage, wie ich mir selbst treu bleiben und die Dinge schreiben kann, die ich mag, aber mich auch weiterentwickle. Also was ich eigentlich mit dieser ausführlichen Antwort sagen wollte, ja, absolut, so ist es.

Sie sind gerade vierzig geworden im Februar. Schreiben Sie heute, wo Sie etwas älter sind, anders? Oder vielleicht weil Sie mehr Erfahrung haben als Autorin?
Nein, ich glaube nicht, dass ich anders schreibe, weil ich älter bin. Aber mir ist schon bewusst, dass ich über Frauen in ihren Dreißigern schreibe. Das kam so, weil ich selbst eine war, als ich anfing. Und außerdem ist dieses Alter für Autoren sehr interessant. Man ist alt genug, um schon ein paar Fehler gemacht zu haben und einige Sachen zu bedauern, aber man hat noch das Gefühl, die eine oder andere Wahl im Leben treffen zu können. Die Herausforderung für mich wird sein, mit meiner Leserschaft „erwachsen“ zu werden. Es wird ein Punkt kommen, an dem ich nicht mehr über Mittdreißiger werde schreiben können, weil ich nicht mehr so nah an jungen Frauen und ihrem Leben dran sein werde. Ich werde zwar noch allgemein wissen, wie dieses Alter so war, aber die Zeiten ändern sich ja auch. Und in meinen Büchern versuche ich schon, den Zeitgeist einzufangen. Ich werde sicher nicht anfangen, irgendwann Romane über Frauen zu schreiben, die mit fünf Hunden aufs Land ziehen, aber meine Geschichten werden sich schon etwas verändern.

Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee zu ihrem neu auf Deutsch erschienenen Buch „Es muss wohl an dir liegen“? Da findet die Heldin ja heraus, dass ihr Verlobter, dem sie gerade erst einen Antrag gemacht hat, sie betrügt, als er aus Versehen eine SMS, die für seine Geliebte bestimmt war, an sie schickt.
Ich habe extra bis zum dritten Buch gewartet, bis ich über eine Heldin geschrieben habe, die herausfindet, dass ihr Partner sie betrügt. Es gibt einfach das Risiko, dass das in meinem Genre schnell zu einem Klischee wird. Aber ich wollte dieses Thema unbedingt behandeln, obwohl ich es selbst nicht erlebt habe. Für mich als Autorin war es eine Herausforderung, mich in ihre Gefühlswelt hineinzuversetzen.
Die Inspiration kam von einer anderen Situation. Eine Freundin schickte einmal eine SMS, in der sie sich über ihre blöde Chefin beklagte, aus Versehen an genau diese Frau, mit der ich übrigens auch befreundet war. Als ich die Geschichte hörte, drehten sich in meinem Autorenhirn gleich die Rädchen. Und ich dachte, was wäre, wenn man in einer fälschlich erhaltenen Nachricht nicht nur bösen Klatsch lesen, sondern erfahren müsste, dass das Leben, das man führt, eine einzige Lüge ist.
Und dann wollte ich mich noch damit beschäftigen, wie es ist, wenn man eine so gewaltige Niederlage einstecken muss und nicht das Leben führen kann, das man sich in jüngeren Jahren ausgemalt hat. Mein englischer Verlag hat es umschrieben mit: Sei die Heldin deines eigenen Lebens. Es geht darum, ob man die Sicherheit vorzieht und sich damit begnügt, was man hat, oder ob man bereit ist, Risiken einzugehen, die Gefahr und Schmerzen mit sich bringen können, nicht sicher, ob am Ende alles gut ausgeht. Ich wollte über eine Frau schreiben, die aus ihrem normalen Leben ausbricht und den Stier bei den Hörnern packt.

Wie wichtig ist Ihnen ein Happy End?
Das ist schon sehr wichtig, auch wenn ich das als abgeklärte Autorin vielleicht nicht sagen sollte. Aber ich mag es, genau wie Austen, meine Figuren schwere Zeiten durchmachen und die Gefahr echt erscheinen zu lassen, dass es für sie möglicherweise nicht gut ausgeht. Ein Happy End muss da nicht bedeuten, dass ein Paar am Ende wirklich zusammenkommt, nur muss es auf irgendeine Weise eine gute Auflösung geben, die einem ein gutes Gefühl gibt.
Ich schließe jedoch nicht aus, dass ich auch mal ein trauriges Ende schreiben werde. In „Who’s That Girl“ gibt es zum Beispiel nicht unbedingt einen gemeinsamen Spaziergang in den Sonnenuntergang, sondern eine besondere Wendung. Persönlich aber finde ich Happy Ends sehr erfüllend, auch wenn das manche nicht sonderlich erwachsen finden. Dabei ist das Ende doch wirklich nur ein kleiner Teil eines Buches. Man kann kapitelweise über das wahre Leben schreiben, aber warum sollte man nicht bei einem glücklichen Moment aufhören? Denn die gibt es ja auch im Leben.

Haben Sie auch ein Lieblingsbuch, das kein Happy End hat?
„Zwei an einem Tag“ – falls das jetzt kein Spoiler ist. Aber vermutlich hat es inzwischen eh jeder gelesen. Ich fand es wundervoll. David Nicholls hat mich auf die Reise seiner beiden Figuren absolut mitgenommen.

Apropos Reise, wie ist es, auf Lesereise zu gehen?
Das ist aufregend. Für mich war es das erste Mal. Ich war zwar mal zwei Tage auf einer Buchmesse in Göteborg und hatte eine Veranstaltung in meiner Heimatstadt, aber so eine richtige Tour durch mehrere Städte, bei der ich mein Buch vorstelle … das ist jetzt eine Premiere für mich. Ich finde es großartig, aber ich gebe zu, dass es auch anstrengend ist, weil man so viel über sich erzählen muss. Doch wenn man nach einer Lesung dann dasitzt und die Leute stehen an, um sich ein Buch signieren zu lassen, wow, das ist ein tolles Gefühl. Ich dachte nur, hey, aber ihr kennt mich doch gar nicht und wohnt in einem anderen Land. Wir sprechen nicht mal dieselbe Sprache, und doch wollt ihr etwas lesen, das ich mir ausgedacht habe. Ja, das war ein tolles Gefühl. Ich habe wirklich den besten Job der Welt.


Foto © Ruth Rose
Cover © Knaur

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