Elizabeth Camden über die Hintergründe zu „Die Grenzen der Wahrheit“

Die Grenzen der WahrheitCover - Camden, Elizabeth - Die Grenzen der Wahrheit - Francke ist eine Geschichte, die mir ganz besonders am Herzen liegt, denn die Heldin ist Bibliothekarin – genau wie ich seit zwanzig Jahren. Ich hatte schon immer mit dem Gedanken gespielt, eine Bibliothekarin zur weiblichen Hauptfigur eines Romans zu machen, habe dann aber bis zu meiner fünften Buchveröffentlichung gewartet, dieses Vorhaben umzusetzen. Da ich freie Hand hatte, wo der Roman spielen sollte, musste ich als Schauplatz einfach die amerikanische Kongressbibliothek nehmen, die berühmte Library of Congress, denn sie ist für mich die schönste und beeindruckendste Bibliothek der Welt – und die mit dem größten Bücherbestand.

Washington, D.C., ist zudem ein großartiges Setting für einen historischen Liebesroman. Ich schreibe stets über Frauen, die in interessanten Berufen arbeiten, und Ende des 19. Jahrhunderts gab es sehr viele Frauen, die für die Regierung arbeiteten. Während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861 – 1865) wurden viele als Lückenfüller eingestellt, um in den Behörden und Büros die Positionen der Männer zu übernehmen, die nun in der Armee kämpften. Doch als die Soldaten heimkehrten, verschwanden die Frauen nicht. Es war eine Zeit massiver Expansion in den Vereinigten Staaten, weshalb der Regierungsapparat immer größer wurde und es für Frauen genug Stellen gab. Der Schauplatz hat so viel zu bieten, deshalb habe ich auch viele meiner Romane dort angesiedelt.

Etwas, das natürlich streng verboten war, waren romantische Verwicklungen zwischen diesen Frauen und den Männern, die an ihrer Seite gearbeitet haben. Auch heute noch missbilligen viele Unternehmen und Büros Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz. Doch Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden! Und so verliebt sich Anna O‘Brien, die Protagonistin aus „Die Grenzen der Wahrheit“, bald in einen Kongressabgeordneten, dem sie zuarbeitet, was der Geschichte eine weitere Spannungsebene verleiht.

Der Roman handelt von einer Bibliothekarin, die über Ungereimtheiten bezüglich des rätselhaften Verschwindens eines Schiffs auf hoher See stößt. Vom Schiff und seiner Besatzung ward nie wieder etwas gehört, doch in Anna keimt der Verdacht auf, dass die Regierung weiß, was tatsächlich passiert ist. Nichts kann sie von der Suche nach der Wahrheit abbringen, da sich unter den vermissten Seeleuten auch ihr Vater befand. Anna bittet schließlich den charismatischen Kongressabgeordneten Luke Callahan um Hilfe. Und während sie das Puzzle Stück für Stück zusammensetzen, werden sie in Geheimnisse verwickelt, die größer sind, als sie sich je vorstellen konnten.

Der Lesesaal der Library of Congress
Der Lesesaal der Library of Congress

Das Schreiben des Buches bedurfte einiger Recherche, die zu einer unerwarteten Herausforderung wurde. Nach 9/11, den Terroranschlägen am 11. September 2001, ist das Sicherheitsbewusstsein der Regierung stark gestiegen. Viele der üblichen Quellen, auf die ich mich normalerweise gestützt hätte, kamen unter Verschluss. Das Kapitol ist einer der wichtigsten Schauplätze des Romans, und so musste ich herausfinden, wo die Angestellten zu der Zeit ihre Mahlzeiten einnahmen, einen Telefonanruf tätigten oder sich zwischen den Sitzungen entspannten. Ich wollte diese Details richtig wiedergeben, doch seit 9/11 sind die Grundrisse des Kapitols der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Glücklicherweise sind Bibliothekare jedoch ein sehr kollegialer Haufen und ich konnte mich mit einigen in Verbindung setzen, die derzeit für den Kongress arbeiten und in der Lage waren, meine Fragen zu beantworten.

Viel Spaß gemacht hat mir auch herauszufinden, wie es war, im späten 19. Jahrhundert als Bibliothekarin zu arbeiten. Ob Sie es glauben oder nicht, selbst heute im digitalen Informationszeitalter braucht man noch viele der Fähigkeiten von damals. Eine gute Bibliothekarin muss eine gewisse Neugier mitbringen und einen beweglichen Geist haben, um eine Fragestellung aus vielen verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Der britische Autor Neil Gaiman hat es bekanntermaßen einmal so ausgedrückt: „Google kann dir 100.000 Antworten liefern, ein Bibliothekar die richtige.“ Ich liebe dieses Zitat, denn es spielt an auf die enorme Informationsflut, mit der wir es zu tun haben, und die Fähigkeit, die man benötigt, um durch dieses Wissensmeer zu steuern. Genau das macht aus meiner Heldin eine hervorragende Detektivin, als sie die Schnipsel an Informationen zusammensetzt, um dahinterzukommen, was mit dem verschollenen Schiff passiert ist.

Elizabeth Camden auf dem Capitol Hill
Elizabeth Camden auf dem Capitol Hill

Abgesehen vom Schauplatz und den beruflichen Hintergründen hat mir das Buch aber auch viel Freude bereitet, weil es ebenso eine Aschenputtel-Liebesgeschichte ist. Ein charmanter Kongressabgeordneter, der sich unsterblich in eine gelehrtenhafte Bibliothekarin verliebt, steht doch für Romantik pur. Obwohl Luke und Anna wie totale Gegensätze erscheinen, zeigen sie Stärken, mit denen sie sich ergänzen, als sie sich zusammentun, um das Rätsel um das vermisste Schiff zu lösen. Ihre Berufe machen den Plot auf bezaubernde Weise noch komplexer, denn Romanzen zwischen Kongressabgeordneten und den Frauen, die im Kapitol arbeiteten, waren ja verboten.

Zum Abschluss möchte ich gerne noch erwähnen, wie wunderbar ich es finde, dass meine Romane ins Deutsche übersetzt werden. Die Familie meines Vaters ist in den 1880er Jahren von Deutschland in die USA ausgewandert, und ich war schon immer fasziniert von den Geschichten, die sie erzählten. Ich besitze Bündel alter Briefe und Fotos von ihnen und sie haben meine Liebe zur Geschichte und die Neugier auf Deutschland geweckt. Deshalb freue ich mich schon sehr darauf, deutsche Leser persönlich zu treffen, wenn ich im Sommer 2018 zu Besuch komme.


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Fotos © Elizabeth Camden

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