Buchrezension Tess Gerritsen – Der Meister

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TESS GERRITSEN
Der Meister
The Apprentice
Band 2 der „Rizzoli & Isles“-Serie
Thriller
Dezember 2003
Limes/ Blanvalet
HC, €21,90/ TB, €10,99/ E-Book, €9,99

 

 


Ein Jahr nach der Ergreifung des Serienmörders Warren Hoyt alias der „Chirurg“ leidet Detective Jane Rizzoli vom Boston P.D. noch immer unter Albträumen. Nach außen, besonders gegenüber den ausnahmslos männlichen Kollegen, gibt sie sich hart wie eh und je, an die physischen Verletzungen erinnern nur noch Narben, aber ihre Psyche hat sich noch nicht erholt. Da wird sie zu einem Fall hinzugezogen, der Parallelen zu den damaligen Verbrechen aufweist. Ein Paar wurde in seinem Haus überfallen, der Mann ermordet, von der Frau fehlt jede Spur. Die Rekonstruktion des Tatorts ergibt, dass sie vor den Augen des gefesselten Mannes vergewaltigt wurde, dem der Täter anschließend die Kehle durchgeschnitten hat. Einige Tage später wird auch sie tot aufgefunden. Die grausame Ermordung der Eheleute und die Schändung der weiblichen Leiche ruft das FBI auf den Plan. Jane sieht sich in ihren Kompetenzen beschränkt und ist wenig begeistert, als der Agent Gabriel Dean auf der Bildfläche erscheint und an ihrer Seite ermittelt. Das nährt ihr Gefühl, dass man ihr als Frau keine wichtige Ermittlung zutraut. Noch dazu scheint Dean mehr über den Fall zu wissen, als er preisgibt. Bald wird klar, dass es sich nicht einfach um einen Nachahmungstäter handelt. Der inhaftierte Massenmörder hat einen Lehrling gefunden. Jane schwebt erneut in höchster Gefahr. Die wittert auch Dean, dessen Beschützerinstinkt nicht nur aus professioneller Sicht geweckt wird.

Mit Jane Rizzolis zweitem Fall liefert Tess Gerritsen eine großartige Fortsetzung ihrer Serie. Gewohnt blutig und medizinisch fundiert werden die Gräueltaten dem Leser nahegebracht. Wer schon von „Die Chirurgin“ begeistert war und Rizzoli mochte, wird hier voll auf seine Kosten kommen, denn sie ist von einer Nebenfigur zur Protagonistin herangereift. Man erfährt mehr über die taffe, couragierte Polizistin auf der einen und das angeknackste Innenleben einer verängstigten Frau mit jeder Menge Selbstzweifel auf der anderen Seite. Dass die sorgsam aufrechterhaltene Fassade der Powerfrau zu bröckeln beginnt, bereitet den Weg für eine kleine Romanze. Der smarte FBI-Agent entpuppt sich dabei nicht nur als Bereicherung für Jane, sondern auch für den Serienkader. Einige Passagen werden aus Sicht des „Chirurgen“ in der Ich-Erzählperspektive wiedergegeben und gewähren so Einblicke in die Gedanken des Mörders, die Gänsehaut verursachen. Janes Unsicherheit und Ängste sind fast spürbar. Man fühlt die näher rückende Bedrohung und wünscht sich bei mancher Szene, wie im Kino kurz die Augen schließen zu können. Zartbesaitete sollten Abstand nehmen, denn die Autorin, selbst Ärztin, beschreibt – nicht nur die Obduktion – sehr anschaulich, auch Nekrophilie ist ein Thema. Wer sich traut, wird aber mit spannender Unterhaltung, einem Thriller vom Feinsten und einem packenden Showdown, der hält, was das Buch verspricht, belohnt. (TD)