Ausblick auf die 88. Oscar-Verleihung

In wenigen Stunden steigt für Filmschaffende und Filmfans die Nacht der Nächte. Dann werden in Los Angeles zum 88. Mal die Academy Awards, besser bekannt als Oscars, verliehen. Bei keinem anderen Filmpreis liegen Kunst, Kommerz und vor allem Glamour so nah beieinander. Nicht immer können sich Kritiker und Cineasten mit den Nominierten und vor allem den Gewinnern anfreunden, die von der mehr als 7000 Mitglieder starken Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) gewählt werden.

In diesem Jahr gab es schon im Vorfeld eine große Kontroverse, da erneut keine schwarzen Darsteller in den vier Schauspielerkategorien nominiert wurden. Unter dem Hashtag #OscarsSoWhite wurde der Protest über die sozialen Medien verbreitet, und einige bekannte – und nicht mehr ganz so bekannte – schwarze Hollywoodstars verkündeten, die Preisverleihung boykottieren und nicht einmal im Fernsehen ansehen zu wollen.

Die Ankündigung, dass die Gewinner keine langen Namensaufzählungen bei ihren Dankesreden mehr verlesen sollen, ging dadurch beinahe völlig unter. Einige hatten es da doch ziemlich übertrieben und von der Mutter bis quasi zum Friseur alle Personen heruntergerattert, die sie irgendwie bedenken wollten. In den meisten Fällen waren dies bei der mehrstündigen Zeremonie die Momente, bei denen die Zuschauer vor Langeweile das Gähnen nicht mehr unterdrücken konnten.

Stattdessen sollten diesmal von den Nominierten vorher Namenslisten eingereicht werden, die dann im Erfolgsfall wie ein Newsticker im Fernsehbild eingeblendet werden. So kann sich allerdings auch niemand mehr herausreden, vor Aufregung jemanden vergessen zu haben. In die Academy-Awards-Annalen eingegangen war etwa Hilary Swank, als sie im Jahr 2000 beim Gewinn ihres ersten Oscars für „Boys Don’t Cry“ ihren damaligen Ehemann Chad Lowe nicht erwähnte.

Da den Preisträgern nur fünfundvierzig Sekunden am Mikrofon gewährt werden, dürften die „Reden“ aber auch ohne die Dankesarien eher oberflächlich ausfallen. Ob da unvergessliche Oscar-Momente zu erwarten sind, ist die Frage. Dabei machen gerade die doch den Kult aus. Wer erinnert sich nicht an die emotionalen Worte von Tom Hanks, nachdem er 1994 für das AIDS-Drama „Philadelphia“ den „Goldjungen“ entgegennehmen durfte. Dass er in seiner Ansprache versehentlich einen Lehrer outete, war später willkommener Stoff für die Komödie „In & Out“. Auch die völlig aufgelöste Halle Berry, die 2002 am ganzen Körper zitternd wahre Tränensturzbäche vergoss, ist vielen noch im Gedächtnis.

Gesprächsstoff wird in diesem Jahr daher hauptsächlich liefern, wessen Name am Ende von den Präsentatoren verlesen wird – und wessen nicht. Und so versuchen wir uns einfach mal darin, in unserer Oscar-Glaskugel zu lesen und zumindest für die sechs „Königsdisziplinen“ vorherzusagen, wer das Rennen macht. Dabei wollen wir aber auch nicht verhehlen, für wen unser Herz schlägt. Dass diesmal besonders viele Literaturverfilmungen nominiert sind, soll auch nicht unerwähnt bleiben.

Eine Übersicht über alle Kategorien und die Nominierungen gibt es auf der offiziellen Oscar-Webseite, wo auch wieder ein Stimmzettel zum Herunterladen zu finden ist.


Bester Film (Best Picture):

The Big Short
Bridge of Spies – Der Unterhändler
Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten
Mad Max: Fury Road
Der Marsianer – Rettet Mark Watney
The Revenant – Der Rückkehrer
Raum
Spotlight

Unser Favorit: The Big Short
Die großartig besetzte Satire über die Vorgeschichte der Finanzkrise von 2008 entlarvt bissig die Geschäftsgebaren geldgeiler Investmentbank-Zocker, die so absurd waren – und immer noch sind –, dass sie selbst am Ende bei den verwirrenden Milliarden-Spielereien keinen Durchblick mehr hatten.

Aussichtsreichster Kandidat: The Revenant – Der Rückkehrer
Das brutal-monotone Überlebens- und Rachedrama war für Crew und Darsteller unter schwierigen Drehbedingungen ein enormer Kraftakt. So etwas wird genauso gerne gewürdigt wie ein düsteres Sujet.

Beste Regie (Directing):

Adam McKay für THE BIG SHORT
George Miller für MAD MAX: FURY ROAD
Alejandro G. Iñárritu für THE REVENANT – DER RÜCKKEHRER
Lenny Abrahamson für RAUM
Tom McCarthy für SPOTLIGHT

Unser Favorit: Adam McKay
In seiner brillanten Inszenierung konfrontiert der Regisseur das Publikum mit voller Absicht lange mit „Häh?“-Momenten – um dann die Erkenntnis zu liefern, dass das ganze System, dass für den Monsterbörsencrash verantwortlich war, eben genauso „Häh?“ war.

Aussichtsreichster Kandidat: Tom McCarthy
Dass Alejandra G. Iñárritu nach seinem Gewinn für „Birdmann“ im letzten nun auch in diesem Jahr geehrt wird, ist nicht völlig abwegig, immerhin ist sein Film mit insgesamt zwölf Nominierungen der Top-Favorit und hat in der zurückliegenden „Award Season“ vom Golden Globe bis zum BAFTA schon so gut wie jede Trophäe eingeheimst. Doch es gibt genug Beispiele dafür, dass Bester Film und Beste Regie bei den Oscars nicht immer Hand in Hand gehen. Unser Geheimtipp ist deshalb, dass die Kategorie quasi als „Trostpreis“ an Tom McCarthy geht, weil „Spotlight“ ansonsten wohl nur noch für das Originaldrehbuch hoch gehandelt wird und der Film einfach ein zu heißes Eisen anpackt – die journalistische Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche Bostons –, als dass er so mickrig abgespeist werden dürfte.

Bester Schauspieler (Actor in a Leading Role):

Brian Cranston in TRUMBO
Matt Damon in DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY
Leonardo DiCaprio in THE REVENANT – DER RÜCKKEHRER
Michael Fassbender in STEVE JOBS
Eddie Redmayne in THE DANISH GIRL

Unser Favorit: Eddie Redmayne
Im letzten Jahr für die Darstellung des an ALS leidenden Physikers Stephen Hawking ausgezeichnet, hat er sich mit dem transsexuellen dänischen Maler Einar Wegener und seiner körperlich wie seelisch schmerzhaften und tragischen Metamorphose zu Lili Elbe wieder einer beeindruckenden Persönlichkeit angenommen. Sein zartes und zerbrechliches Spiel dringt ganz tief in Herz und Seele und ist noch Oscar-würdiger als seine Glanzleistung aus dem Vorjahr.

Aussichtsreichster Kandidat: Leonardo DiCaprio
Hätte Eddie Redmayne nicht im letzten Jahr gewonnen, wäre Leo wohl chancenlos, auch wenn er wirklich gut war im Film. In seiner inzwischen auch schon über zwanzig Jahre andauernden Karriere hat er aber schon so viele exzellente Darbietungen hingelegt und wurde im Oscar-Rennen immer übergangen, dass er aus Sicht vieler einfach dran ist. Und es hat ja durchaus Tradition, dass Schauspieler ab und zu mehr für ihr Gesamtwerk als eine bestimmte Rolle die Trophäe überreicht bekommen.

Beste Schauspielerin (Actress in a Leading Role):

Cate Blanchett in CAROL
Brie Larson in RAUM
Jennifer Lawrence in JOY
Charlotte Rampling in 45 YEARS
Saoirse Ronan in BROOKLYN – EINE LIEBE ZWISCHEN ZWEI WELTEN

Unsere Favoritin: … ist nicht mal nominiert.
Wir hätten gerne Maggie Smith für ihre Rolle in „The Lady in the Van“ mit Standing Ovations bedacht. Die fünf nominierten Ladys sind zwar alle ehrenwerte Vertreterinnen ihrer Zunft, aber keine reicht an die britische Grande Dame heran oder sticht mit ihrer jeweiligen Darstellung wirklich unter den anderen hervor.

Aussichtsreichste Kandidatin: Brie Larson
Die Rolle war sicher eine Herausforderung, ob des menschlich traumatischen Themas. Das haben schon etliche andere Jurys im Vorfeld als Grund genug angesehen, die Schauspielerin mit Preisen zu überhäufen. Doch im Grunde wird sie von Kinderdarsteller Jacob Tremblay komplett an die Wand gespielt. Dass er keine Nominierung erhielt, ist der wirklich Skandal dieses Oscar-Jahrs, in dem es mal wieder eher um politische Positionierungen als um die Würdigung der herausragendsten Leistungen zu gehen scheint.

Bester Nebendarsteller (Actor in a Supporting Role):

Christian Bale in THE BIG SHORT
Tom Hardy in THE REVENANT – DER RÜCKKEHRER
Mark Ruffalo in SPOTLIGHT
Mark Rylance in BRIDGE OF SPIES – DER UNTERHÄNDLER
Sylvester Stallone in CREED – ROCKY’S LEGACY

Unser Favorit: Sylvester Stallone
Sly hat sich in diesem Spin-Off nicht nur als Kämpfer sondern vor allem als wahrlich selbstironisch gezeigt.

Aussichtsreichster Kandidat: Sylvester Stallone
Für den ersten „Rocky“ heimsten vor vierzig Jahren andere die Lorbeeren bei den Oscars ein. Sly, der „Rocky“ erschaffen, gelebt und zum Kult gemacht hatte, ging selbst leer aus. Diesmal dürfte es eine späte Wiedergutmachung geben.

Beste Nebendarstellerin (Actress in a Supporting Role):

Jennifer Jason Leigh in THE HATEFUL EIGHT
Rooney Mara in CAROL
Rachel McAdams in SPOTLIGHT
Alicia Vikander in THE DANISH GIRL
Kate Winslet in STEVE JOBS

Unsere Favoritin: Alicia Vikander
Als Ehefrau eines Transsexuellen ist sie mit ihrem ehrlichen Gefühlszwiespalt das perfekte Gegenüber für Hauptdarsteller Eddie Redmayne und bildet mit ihm eine wunderbare Einheit.

Aussichtsreichste Kandidatin: Kate Winslet
Sie ist unbestreitbar eine hervorragende Aktrice. Und wer würde sie am Ende nicht gerne im Oscar-Doppelpack-Märchen mit ihrem guten Freund und „Titanic“-Leinwandpartner Leonardo DiCaprio sehen.


Bild © Dorith Mous / A.M..P.A.S.®