Au revoir, Anne Golon – „Angélique“-Erfinderin ist tot

in memoriam

 

Anne Golon
1921 – 2017

 

 

Heute heißt es Abschied nehmen von einer Legende. Anne Golon, die große alte Dame des historischen Abenteuer- und Liebesromans, ist, wie jetzt bekannt wurde, am 14. Juli mit 95 Jahren gestorben. Mit ihr verliert die Welt eine Frau, der die Leserinnen eine ihrer bekanntesten und vor allem stärksten Heldinnen verdanken.

Geboren wurde sie am 19. Dezember 1921 als Simone Changeaux als Tochter eines Marinekapitäns an der Mittelmeerküste im französischen Toulon. Schon früh entdeckte sie ihre künstlerische Ader, malte leidenschaftlich gern und wandte sich mit achtzehn der Schriftstellerei zu. Inzwischen nach Paris umgezogen, musste sie während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg fliehen – wie es hieß, verschlug es sie dabei mit dem Fahrrad bis nach Spanien.

Anne Golon © photo d'archive Bélier Editions Anne Golon reçoit la Médaille V
Anne Golon © photo d’archive Bélier Editions Anne Golon reçoit la Médaille V

Nach Kriegsende schrieb sie für Zeitschriften und wurde für ihr literarisches Wirken ausgezeichnet. Um für ein neues Romanprojekt zu recherchieren, reiste sie in den Kongo, wo sie dem fast zwanzig Jahre älteren russischen Adligen Wsewolod Sergejewitsch Goloubinoff begegnete. Eine große Liebesgeschichte nahm damit ihren Anfang, die mit vier Kindern gekrönt werden sollte. Der Naturwissenschaftler und die Journalistin ließen sich in Versailles nieder und begannen, unter den Pseudonymen Serge und Anne Golon zusammen Bücher zu schreiben, anfangs jedoch mit eher mäßigem Erfolg.

Das änderte sich erst, als sie sich historischen Frauenromanen voller Abenteuer, Irrungen und Wirrungen und vor allem leidenschaftlicher Liebe zuwandten. Inspiriert durch ihren Wohnort, der ehemaligen Residenzstadt des Sonnenkönigs Ludwigs XIV., widmete sich Anne mehrjähriger Recherche und schrieb dann ein mehrere hundert Seiten umfassendes Manuskript über eine blutjunge verarmte französische Aristokratentochter im 17. Jahrhundert, die an einen zunächst ungeliebten, viel älteren und entstellten, aber vermögenden Grafen verheiratet wird. Angélique und Joffrey de Peyrac verlieben sich trotz der schlechten Vorzeichen, doch das Schicksal trennt sie grausam – bis es sie im Verlauf einer der erfolgreichsten Romanserien der Welt wieder zusammenführt.

Die Erstveröffentlichung des ersten Bandes, der später in Frankreich in zwei Bände aufgeteilt wurde, erfolgte 1956 in Deutschland. Lothar Blanvalet war mit seinem Blanvalet Verlag damit ein Schachzug gelungen, der ihm über viele Jahre kommerziellen Erfolg garantierte. Für Anne dauerte es in ihrer Heimat bis zum Happy End. Zwar erschien der erste „Angélique“-Roman rund ein Jahr nach der deutschen Übersetzung auch im Original, doch bestand der Verlag darauf, neben Anne auch ihren Ehemann als Verfasser aufs Cover zu drucken, obwohl er ihr lediglich bei der Recherche geholfen hatte. Hinzu kamen jahrelange Streitigkeiten um die Rechte und die Vergütung, um die die Autorin nach Serges Tod mit der Unterstützung ihrer Tochter Nadia bis in die 1990er Jahre kämpfen musste.

Cover - Golon, Anne - Angélique - In den Gassen von Paris - BlanvaletBis 1986 waren auf Deutsch zwölf Bände veröffentlicht worden und in den 1960er Jahren gab es fünf französische Kino-Kassenschlager beruhend auf den Romanen sowie zwei türkische Verfilmungen. Das erste Buch war in 45 Ländern erschienen. Die Gesamtauflage aller Bände umfasste 150 Millionen Exemplare. Doch dann wurde es merklich stiller um „Angélique“.

Anne Golon jedoch ließ die Protagonistin, die so viel von ihr selbst hatte – den Mut, die Stärke, die Abenteuerlust, den Kampfeswillen und die unbändige Liebe – nie los. Im hohen Alter machte sie sich daran, ihr Werk zu überarbeiten und zu vollenden. Sie haderte mit Fehlern und Kürzungen der Erstveröffentlichungen und korrigierte diese. So erschienen 2008 die ersten drei Neuauflagen, 2009 und 2012 folgten zwei weitere, wieder bei Blanvalet, zuletzt mit In den Gassen von Paris nach der neuen Durchnummerierung der fünfte Band. An die alten Erfolge konnte sie damit aber nicht mehr anknüpfen und der Verlag stellte die Serie schließlich wieder ein. Auch ein deutscher TV-Zweiteiler, Angélique – Das unbezähmbare Herz, aus dem Jahr 2004 und der französische Kinofilm Angélique – Eine große Liebe in Gefahr von 2013 konnten nicht an die Glanzzeiten heranreichen.

Eigentlich hatte die Autorin geplant, neben der Neuveröffentlichung aller Bände mit langer Verspätung auch noch einen heißersehnten Abschlussband zu liefern. Dessen Veröffentlichung war damals am Veto des französischen Verlegers gescheitert. Doch selbst ohne diesen hinterlässt Anne Golon ein Werk, mit dem sie Millionen begeistert hat.

Chefredakteurin Tina Dick hatte vor einigen Jahren die Ehre, mit Anne Golon anlässlich der Neuauflage zu sprechen. In Gedenken an die große Autorin stellen wir ihren Artikel über die Begegnung auf der Frankfurter Buchmesse 2008 (erstmals erschienen in Ausgabe 37 des LoveLetter Magazins, November 08) hier als PDF zum Download zur Verfügung: Audienz bei einer lebenden Legende – Interview mit Anne Golon Oktober 2008


Wikipedia-Eintrag über die Autorin

Anne Golon bei Blanvalet

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